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Platz 88

Bringing Up Father
von George McManus

 
Autor: George McManus
Zeichner: George McManus
Land: USA


Unter den Comic-Klassikern ist dies der große Unbekannte. Und das in aller Öffentlichkeit: An "Bringing Up Father" von George McManus (1884-1954) kommt keine ernsthafte Geschichte der Comics vorbei. Aber trotzdem kann heutzutage kaum jemand behaupten, mehr als vielleicht ein Dutzend Seiten des Strips gelesen zu haben. Wenn überhaupt. Denn so erfolg- und einflußreich die Serie einst war, die McManus 1913 nach diversen anderen, meist kurzlebigen Versuchen begann (ab 1918 auch auf Sonntagsseiten), so rar machen sich heute gesammelte Nachdrucke. Was unter anderem daran liegen mag, daß sich ihr Grundmuster stets wiederholt. Und sonderlich originell ist es ebensowenig.

Wenn sich nämlich Jiggs, Ex-Bauarbeiter, nun aber stinkreich (dank Lottogewinn), und Ehefrau Maggie, ehedem Wäscherin, permanent streiten, so ist das zunächst nur das uralte Nudelholz-Stereotyp, das in den ewigen Top Ten abgedroschenster Humor-Plattitüden einen sicheren Platz zwei einnimmt, gleich hinter dem unsinkbaren Inselwitz und noch vor dem obligaten "Herr Ober, auf meiner Fliege ist Suppe"-Prinzip.

Natürlich ist aber entscheidend, was McManus daraus gemacht hat: einen komödiantischen Augenschmaus, bei dem er seine ganze grafische Finesse ausspielen konnte. Berühmt sind sein souveräner Umgang mit Linie und Fläche und sein astreines Art-Déco-Design. Aber dieser optische Luxus, wie geschaffen für das pompöse, neureiche Ambiente, zu dem sich Jiggs anscheinend nun verpflichtet sieht, wird inhaltlich ausgeglichen durch dessen bodenständiges Gemüt, sein unverbrüchliches Festhalten an den kleinen Freuden seiner bescheidenen Herkunft. Genau das ist zwar der Grund für den ewigen Zoff mit seinem Ehegespons: Maggie hat einen verbissenen Hang zu Höherem, soweit sich das kaufen läßt. Trotzdem aber auch schon mal schwache Momente, in denen sie eingesteht, daß ihre glücklichste Zeit die Anfangsjahre unter ärmlichen Umständen waren.

Bei so einer populären Botschaft konnte natürlich nichts schiefgehen. Daß Geld allein nicht glücklich macht, damit trösten sich Heerscharen armer Schlucker, und auch Besserverdienende können dem zustimmen (wissen aber zusätzlich die beruhigende Seite des Wohlstands zu schätzen). Kommt noch dazu das schon erwähnte, ähnlich schlichte Geschlechterklischee. "Bringing Up Father" ist unter den vielen Ehe-und-Famlienstrips wie etwa "Polly", "Blondie" oder heutigentags "Hägar" eindeutig einer der harmloseren und wäre vielleicht schon völlig vergessen, gäbe es da nicht diese grafische Brillanz.

Und dazu unter der glänzenden Oberfläche noch Einfälle, die aufmerken und mehr dahinter vermuten lassen. Schließlich ist auch sein Einfluß kaum zu ermessen, sein zuweilen überschäumender Einfallsreichtum im Detail wie im großen Ganzen hat Spuren hinterlassen, von Barks bis Hergé. Ob verrückte Spielereien im Dekors oder paradoxe Ideen, die den gesamten formalen Aufbau einer Seite sprengen, wenn z.B. eine Figur mehrfach aus dem Rahmen fällt und buchstäblich die Ebenen wechselt: da zeigen sich die ganze ironische Distanz von McManus zu seinem eigenen Tun. Und die souveräne Beherrschung seines Metiers. Kein Zweifel, McManus war doch ein Genie - nur eben mit einer ausgeprägten Neigung zu materieller Absicherung und dementsprechenden Kompromissen... (Martin Budde)