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Platz 1

Donald Duck / Uncle Scrooge
von Carl Barks

 
Autor: Carl Barks
Zeichner: Carl Barks
Land: USA


Viele Titel der Speedline Top100-Liste wurden kontrovers diskutiert, die Nummer Eins blieb jedoch immer unbestritten: Das Siegerpodest gebĂŒhrt Carl Barks fĂŒr seine Geschichten aus Entenhausen.

Zwischen 1943 und 1967 schuf Barks in einem Gesamtwerk von 7.800 Seiten eine Vielzahl faszinierender, unterhaltsamer, abenteuerlicher und humorvoller Geschichten. Kristallisationspunkt des Barksschen Kosmos war Donald Duck, der erstmals 1934 in Walt Disneys Kurztrickfilm "The wise little Hen" aufgetreten war. Unter Barks Feder wuchs Donald aus der eindimensionalen Figur der Zeichentrickfilme und Zeitungsstrips zur realen Person heran: Ewig im Kampf mit einer widrigen Umwelt, den TĂŒcken der Technik, der unerbittlichen Natur und den Launen seiner Mitmenschen. Donald ist kein Held, er ist einfach nur eine Ente wie Du und ich, er ist die Ente in uns allen. Ihm zur Seite stehen seine drei Neffen Tick, Trick und Track, die ihn mit ihrer Cleverness und ihrem Pfadfinderhandbuch aus (fast) jeder Bredouille hauen. Barks eigene Erfindung ist der FantastilliardĂ€r Dagobert Duck, der sich vom habgierigen Geizhals zum unternehmungslustigen Abenterer mausert - und Jahre spĂ€ter George Lucas nach dessen eigenem Bekunden als Vorbild fĂŒr Indiana Jones dienen sollte. Gustav Gans, Daisy Duck, Daniel DĂŒsentrieb, die Panzerknacker... die Barksschen Geschöpfe sind weltweit bekannt.

Barks Gesamtwerk besteht aus zwei Teilen: Die kurzen Zehnseiter, erschienen in "Walt DisneyÂŽs Comics & Stories", sind Gag-getrieben Geschichten, zu Beginn noch im Stil der Disney-Zeichenrickfilme, die zumeist Donalds Kampf als Erziehungsberechtigter gegen seine aufsĂ€ssigen (und ihm zumeist ĂŒberlegenen) Neffen Tick, Trick & Track thematisieren. Neuland betrat Barks mit den bis zu 30seitigen Abenteuergeschichten in "Donald Duck" und "Uncle Scrooge", in denen die Ducks Abenteuer auf der ganzen Welt erleben, hĂ€ufig auf der Jagd nach mythischen SchĂ€tzen und alten Legenden. In diesen Geschichten entfaltet Barks sein ganzes Können als Autor: Er ist ein großer GeschichtenerzĂ€hler in alter Tradition.

Barks Zeichnungen sind geprĂ€gt von seinem sicheren GespĂŒr fĂŒr den ErzĂ€hlfluss, sie werden niemals dominierend, denn im Vordergrund stehen die Figuren, ihre Gedanken und Emotionen. Wie kein zweiter kann Barks seine Charaktere GefĂŒhle mit einem einzigen Blick, einer Körperhaltung, einer Geste ausdrĂŒcken lassen. DarĂŒber hinaus nutzt er gekonnt Silhouetten, witzige Hintergrund-Details, Slapstick-Elemente und halpseitige Splash-Panels.

Barks Werk wird nach wie vor weltweit publiziert, ist aber in Europa erheblich populĂ€rer als im Ursprungsland Amerika. Der Erfolg in Deutschland, der u.a. zur wunderschönen Werkausgabe der "Barks Library" gefĂŒhrt hat, ist in nicht unerheblichen Maße auf die kongeniale Übersetzung von Erika Fuchs zurĂŒckzufĂŒhren. Zahlreiche ihrer Kreationen ("Dem Ingenieur ist nichts zu schwör") haben Eingang in unsere Alltagssprache gefunden.

Die tiefe Menschlichkeit der Barksschen Kreationen, seine Liebe zum Fabulieren, seine handwerkliche Meisterschaft, der herzerwĂ€rmende Optimismus kombiniert mit einem nĂŒchternen Zynismus: Barks Werk spricht jeden an. Wie wir alle hat auch Carl Barks weniger gute Tage gehabt, aber an seinen guten Tagen hat er Geschichten erzĂ€hlt, deren Perfektion auch beim hundertsten Lesen atemberaubend ist. (Cord Wiljes)

Lesetipps:

 

 


Platz 2

From Hell
von Alan Moore & Eddie Campbell

 
Autor: Alan Moore
Zeichner: Eddie Campbell
Land: USA/Großbritannien


Ein Mörderteil: 500 Seiten starring Jack the Ripper, Queen Victoria, ein Bastard-Kind der Royal-Family, Huren, Polizisten, Kirchen, Obelisken und Freimaurer. Plus William Morris, William Blake, William Butler Yeats, John (Elefantenmensch) Merrick, dem ungeborenen Adolf Hitler. Und Handys.
Der Mörder ist der Leibarzt der Königin, davon geht Moore aus. Ob Sir William Gull wirklich der TĂ€ter war, ist ihm egal, darum geht es nicht. Es geht um die Wirkung der Morde quer durch die englische Gesellschaft und die Folgen fĂŒr die Zukunft, fĂŒr die Gestalt des 20. Jahrhunderts an sich. Aber es ist keine trockene soziologisch/historische Abhandlung. From Hell ist eine Horror-Geschichte mit gigantischem, apokalyptischem Überbau, eine Horrorgeschichte, die es nicht bei einzelnen, blutigen Vorkommnissen belĂ€sst (und mit der Verbrennung des Bösen Erleichterung und Nachtschlaf verschafft), sondern nichts weniger will als die individuelle Weltsicht des Lesers zu erschĂŒttern. Moores Methode ist dabei so einfach wie entwaffnend: Er prĂ€sentiert eine erschlagende Anzahl von Fakten und mischt magische/mystische/ mythische/esoterische (wie immer man gerne möchte) Details dazwischen, die ZusammenhĂ€nge herstellen, die man so vorher nicht gesehen hat. Denn wenn so viel wahr ist, warum dann nicht auch dies? Und das auch? So werden gehĂ€ufte ZufĂ€lle zu einem Plan und der Ziel des Plans kann nur grauenhaft sein. Es gibt mehrere Stellen in diesem Werk, an dem man sich wie der Kutscher am Ende des monumentalen 4. Kapitels ĂŒbergeben möchte. Weil einen die Erkenntnis oder das Grauen ĂŒberwĂ€ltigt. (Kann man etwas großartigers ĂŒber die GĂŒte eines Buches sagen?) Nicht zuletzt die akribische Darstellung des letzten Mordes (Kapitel 10), bei dem einem wirklich der Boden unter den FĂŒĂŸen wegbricht. Und das hat nicht, nichts, nichts mit Splatter zu tun, da ist schon Eddie Campbells absolut zurĂŒckhaltender, aber sagenhaft prĂ€ziser Stil davor. Was einen umwirft ist die BanalitĂ€t, der schiere Irrwitz der Metzgerarbeit auf der einen Seite und die Wirkung dieses Irrsinns, die man bis in die Gegenwart spĂŒrt, auf der anderen.
From Hell ist eine der wenigen, echten Großformen im Medium Comic. Kein Werk, das mehr oder weniger zufĂ€llig ĂŒber die Jahre durch eine Verkettung von Episoden (sprich: Einzel-Alben) umfangreich und komplexer wurde oder einfach durch die erzĂ€hlerische Form in die Breite geht (Stichwort: Manga), sondern das von Anfang an komplett und in aller Vielschichtigkeit geplant war. Ein Werk, das dem Umfang Rechnung trĂ€gt, weil weniger einfach nicht möglich war. Mr. Moore, Mr. Campbell – Hut ab!! (Bernd Kronsbein)

Lesetipps:

  • From Hell: Die deutsche Gesamtausgabe mit 592 (!) S.

 

 


Platz 3

Tim und Struppi / Tintin
von Hergé

 
Autor: Hergé
Zeichner: Hergé
Land: Belgien


Haddock - so nennen wir einen reichen KapitĂ€n a.D. im besten Mannesalter - Haddock hatte in Bienleins Rosengarten die schönste Stunde eines Mainachmittags zugebracht, um sich frisch erhaltenen Loch Lomond hinter die Binde zu kippen. Sein GeschĂ€ft war eben vollendet; er stellte das Glas an die Seite und betrachtete die leere Flasche mit VergnĂŒgen, als Professor Bienlein hinzutrat und sich an dem teilnehmenden Fleiße des KapitĂ€ns ergetzte. “Hast du die Castafiore nicht gesehen?” fragte Haddock, indem er sich weiterzurollen anschickte. “Wie? Du kannst die Anspielung nicht verstehen?” versetzte der Professor, “Seltsam, dabei ist es doch ganz offensichtlich...”
Genau, denn meiner Meinung nach haben das Tim & Struppie-Album “Die Juwelen der SĂ€ngerin” (1963) und Goethes “Wahlverwandschaften” (1809), die ich gerade so free & easy miteinander vermixt habe, nicht nur Schauplatz (Landgut bzw. Schloß mit großem Garten bzw. Park) und Thema (Liebe, Spazierengehen & Metaebene) gemeinsam, sondern sind sich auch in dem Punkt einig, dass ein zentraler Aspekt von Kunst die PrĂ€sentation von Abgehangenheit zu sein hat. Abgehangenheit, die in Wahrheit jedoch megakompliziert ist und nur auf der Grundlage von langen theoretischen Forschungen und endlosen praktischen Versuchen in dieser obercoolen Jenseits-von-Gut-und-Böse-Form delivert werden kann. Das muss man sich mal klarmachen: Herge und Goethe - zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Werke lĂ€ngst nicht mehr im besten Mannesalter - vermitteln hier das GefĂŒhl, dass Reden und Umhergehen die geilste Dinge auf der ganze Welt sind. Also wenn ich’s mir recht ĂŒberlege, kann ich’s kaum noch erwarten endlich 60 zu werden. (Marc SagemĂŒller)

Lesetipps:

 

 


Platz 4

Asterix
von Rene Goscinny & Albert Uderzo

 
Autor: Rene Goscinny
Zeichner: Albert Uderzo
Land: Frankreich


Mit "Asterix" ist es das gleiche wie mit "Monty Phyton": Da stehen total viele Schwachmaten, die dann auch meist jeden Obelix-Flachwitz im Schlaf aufsagen können, drauf. Außerdem sind die 24 von Rene Goscinny getexteten BĂ€nde so mit das BildungsbĂŒrgerlichste (MentalitĂ€tswitze, historische Details, Anspielung und Lateiner-SprĂŒche bis der Arzt kommt und wieder geht), was es innerhalb dieses verfluchten Mediums zu bekommen gibt. Nicht umsonst wird immer dann heftig mit Asterix-Heften rumgewedelt, wenn es darum geht, die geforderten Beweise fĂŒr den kulturellen Wert von Comics zu bringen. Und ĂŒberhaupt, dieses ganze "die Kleinen erfreuen sich an den Keilereien und die Großen an dem hintersinnigen Wortwitz"-Gerede... schrecklich! Lese ich allerdings "Asterix als LegionĂ€r", "Asterix und der Avernerschild", "Tour de France", "Asterix und Kleopatra", "Asterix und der Kupferkessel", "Die golden Sichel", "Asterix auf Korsika" und "Asterix bei den Schweizern", ist mir das sowas von scheißegal, dass kann ich gar nicht in Worte fassen. Rene, du bist der GrĂ¶ĂŸte und uns allen eine NasenlĂ€nge voraus! (Marc SagemĂŒller)

Lesetipps:

 

Leseproben:

 


Platz 5

Watchmen
von Alan Moore & Dave Gibbons

 
Autor: Alan Moore
Zeichner: Dave Gibbons
Land: Großbritannien/USA


Was hat dieser bĂ€rtige Brite nicht schon alles geschrieben: V for Vendetta, From Hell (jĂŒngst abgeschlossen) und dazu noch Watchmen, die graphic novel (man glaubt fast, fĂŒr Watchmen wurde diese Betitelung erfunden), ohne die wir vielleicht gar nicht mehr hier wĂ€ren; allesamt Medium-Refresher ohnegleichen. Alan Moore ist fraglos der mit Abstand wichtigste unter den lebenden anglo-amerikanischen Comicautoren, und nicht wenige Comicrezipienten hörten oder Ă€ußersten schon mal das sinngemĂ€ĂŸe Statement: „Mit Comiclesen habÂŽ ich ja wieder ernsthaft angefangen, als Frank Miller mit The Dark Knight Returns und Alan Moore und Dave Gibbons mit Watchmen Mitte der Achtziger gezeigt haben, wie gut, erwachsen, anspruchsvoll und...“. TatsĂ€chlich Ă€hnelt die Watchmen-LektĂŒre einer großen Initiation, einer Eiswasserdusche sowohl auf Seiten der Leseerfahrung als auch der Comicschaffenden. StĂ€rker als das Telefonbuch einer grĂ¶ĂŸeren Kleinstadt ist diese elegische Superhelden-Symphonie unerreichter Zenit innerhalb des „Was wĂ€re, wenn es Superhelden wirklich gĂ€be“- Diskurses und markiert die Grenzen dessen, was im Mainstream-Comic möglich scheint. Es ist unmöglich, nach einmaliger LektĂŒre die ganze FĂŒlle dieses Großwerks auszukosten; zu genau ist alles durchkomponiert, zu ĂŒberreichlich die (graphischen) Details. Verschiedene Variationen heldischer Moral bzw. Motivation werden an verschiedenen Maskierten durchprobiert, bis als letzte Konsequenz nur der Ausweg in ethisch nicht mehr einholbares, ĂŒber-menschliches Nichts bleibt. (Sven-Eric Wehmeyer)

Lesetipps:

 

 


Platz 6

Nestor Burma
von Jacques Tardi & Leo Malet

 
Autor: Leo Malet
Zeichner: Jacques Tardi
Land: Frankreich


Frage: Der grĂ¶ĂŸte noch tĂ€tige ComickĂŒnstler ist? Antwort: Jacques Tardi, wer sonst?
Kaum ein anderer Zeichner ist so unverkennbar und originĂ€r; kaum ein anderer so stilistisch ausgereift, sicher und makellos; kaum einer so vorzeigbar selbst Comic-Gegnern; fast niemand so durchdacht und kĂŒnstlerisch, ohne sichtbar angestrengt konzeptuell-formalen Auflagen zu folgen. SchlĂ€gt man einen Tardi-Comic auf, ist das wie ein rundum perfekt ausgepolstertes Ă€sthetisches Nest, in das man bedenkenlos fallen kann, ohne auch nur mit den kleinsten Unbequemlichkeiten rechnen zu mĂŒssen. Von seinen frĂŒhesten Arbeiten an (seit Anfang der Siebziger), seit spĂ€testens Der DĂ€mon im Eis (Dargaud 1974; dt.: Ed. Moderne 1991) bis zum frischesten Werk Adeles ungewöhnliche Abenteuer Bd.9: Das Geheimnis der Tiefe (Casterman 1998; dt.: Ed. Moderne 1999) ist nahezu jedes Album ohne Abstriche gigantisch, und wenn fĂŒr diese Hunderterliste Tardis Adaptionen der Kriminal- und Parisromane um den Privatdetektiv Nestor Burma von LĂ©o Malet gewĂ€hlt wurden, hat das etwas WillkĂŒrliches - einen Platz in diesen Charts hĂ€tte z.B. auch seine Adele-Serie locker verdient. Andererseits zeigen die bislang drei Nestor-Burma-Folgen Die BrĂŒcke im Nebel, Kein Ticket fĂŒr den Tod und das fast 200seitige Doppelalbum 120, Rue de la gare zum einen, dass das Adaptieren fremder literarischer Vorlagen fĂŒr Tardi keinen Akt der EinschrĂ€nkung oder Unterwerfung darstellt, sondern vielmehr die volle Entfaltung seiner Kunst zeitigt - in diesem Punkt ist die Beziehung zwischen Romanvorlage und Comicversion (bei allem Respekt, Monsieur Malet) dem VerhĂ€ltnis von Robert Blochs Psycho und Hitchcocks Verfilmung vergleichbar. Zum anderen bieten Malets Texte den Stoff, auf dem Tardis genuiner Ansatz perfekt fusst: Krieg, Krimi und vor allem Paris sind die eigentlichen Hauptdarsteller, die Tardi in ĂŒppigen Schwarz/Weiss- und Graukompositionen ĂŒber ihren Status als Handlungselement oder Dekor hinaus auf eine Höhe treibt, in der andere Comicschaffende nur selten ĂŒberhaupt atmen können. (Sven-Eric Wehmeyer)

Lesetipps:

 

 


Platz 7

Corto Maltese
von Hugo Pratt

 
Autor: Hugo Pratt
Zeichner: Hugo Pratt
Land: Italien


Wir begegnen Corto Maltese zunĂ€chst im Jahre 1913 im SĂŒdwest-Pazifik, reisen dann mit ihm nach SĂŒdamerika, gelangen schliesslich 1917 mit ihm nach Europa, ein Jahr spĂ€ter nach Afrika, und verfolgen um 1920 seine Spur ĂŒber China bis nach Sibirien. Nach Venedig, der Schweiz und dem Reich Mu plante Hugo Pratt Cortos Tod im spanischen BĂŒrgerkrieg als Abschluss dieser Abenteurerbiographie, starb allerdings vor Realisierung dieser finalen Episode. Mit Corto Maltese hat Pratt einen der im altmodischen Sinn faszinierendsten Charaktere der Comicgeschichte geschaffen, von Ă€hnlichem Facettenreichtum und „Echtheit“ wie etwa Orson WellesÂŽ Charles Foster Kane. Bei aller abgefeimt und ironisch eingearbeiteten Selbstreflexion hinsichtlich des ErzĂ€hlstatus seiner Geschichten lassen einen Corto Maltese - Alben wie die SĂŒdseeballade oder Die Kelten zuallererst die Erfahrung idealsten Lesens zuteil werden: man vergisst, dass man liest; man vergisst, zwischen der Magie der dickgetuschten Zeichnungen, der stimmungsvollen Langsamkeit, in der sie erzĂ€hlen, und den Wundern, Abenteuern und Geheimnissen, die erzĂ€hlt werden, zu trennen. Hierzu Pratt: „Ich verstehe unter „ErzĂ€hlen können“, auf eine ganz bestimmte Weise erzĂ€hlen zu können: Neugierde zu wecken, das Zuhören zur Freude machen, zu fesseln. Es gibt Leute, die diese Gabe besitzen. Ob sie nun die Wahrheit sagen oder lĂŒgen, stets erregen sie Aufmerksamkeit und halten das Publikum in Atem, und zwar mit dieser speziellen Kunst, Zweifel zu wecken, so dass ihr Werk ganz und gar erfunden scheint, einzig zur Unterhaltung geschaffen.“ (Sven-Eric Wehmeyer)

Lesetipps:

 

 


Platz 8

Maus
von Art Spiegelman

 
Autor: Art Spiegelman
Zeichner: Art Spiegelman
Land: USA


Wie sich einem so singulĂ€ren Werk wie Art Spiegelmans „Maus“ nĂ€hern? Einer ErzĂ€hlung, wie sie unbedingt notwendig war, von der aber niemand geglaubt hĂ€tte, daß es so etwas geben könnte, bis sie erschien? Heftig wurde zum Beispiel darĂŒber debattiert, ob die Form angebracht sei - eine Tierfabel, mit Figuren, wie man sie sonst nur aus Funny Animal Comics Ă  la Micky Maus kennt. Ein Nebendiskurs, der eine Erörterung eigentlich nur lohnte, um die weit grĂ¶ĂŸere Verstörung in Worte zu fassen, die der ErzĂ€hlgegenstand auslöst.
Selbst wer mit der Thematisierung des Holocausts schon eine gewisse Erfahrung hat, wird sich GefĂŒhlen des Entsetzens, der ErschĂŒtterung und letztlich der Trauer nicht entziehen können, die diese „Geschichte eines Überlebenden“ weckt. Das liegt nicht zuletzt daran, daß der ursprĂŒnglich aus Polen stammende Jude Wladek Spiegelman, Art Spiegelmans Vater, alles andere als ein typischer Held ist. Ein altes, wohl zynisches Bonmot sagt, die Geschichte stĂŒnde immer auf seiten der Sieger. So neigt man leicht dazu, Holocaust-Überlebende letztlich doch fĂŒr Gewinner zu halten - die Historie hat ihnen schließlich recht gegeben. Und unter anderen UmstĂ€nden wĂ€re man durchaus geneigt, Wladek fĂŒr einen Siegertypen zu halten - schon vor dem Krieg geht er seinen gesellschaftlichen Aufstieg umsichtig, zielstrebig und bisweilen vielleicht skrupellos an. Eigenschaften, die ihm das Überleben im Ghetto, im Untergrund und schließlich im Lager ermöglichen werden. Aber solche MaßstĂ€be gelten nichts im KZ, erst recht nicht, wenn auch menschliche Regungen wie Anteilnahme, MitgefĂŒhl und Liebe im Spiel sind. Wladek hat ĂŒberlebt. Aber er hat unmenschlich gelitten. Und aller Umsicht, Mut und Verantwortungsbereitschaft zum Trotz hatte er am Ende doch bloß - GlĂŒck. Ein in diesem Kontext zweifelhafter Begriff. Denn nicht nur das Lager, auch das Überleben hat tiefe Spuren hinterlassen.
Zum Zeitpunkt seiner ErzĂ€hlungen ist er ein alter, schwerkranker Mann und penibel bis zur Schrulligkeit. Sein Sohn Art, der die Erinnerungen erst auf Tonband aufzeichnet und dann in einem langwierigen, mĂŒhevollen Prozeß der Aneignung zu Papier bringt, hĂ€lt es schwer aus bei ihm, der in seinem Verhalten stets schwankt zwischen Zuneigung und kauziger Vereinnahmung und ansonsten mit seinen Marotten jeden in seiner Umgebung schier um den Verstand bringen kann. Mit manischem Eifer achtet er darauf, nur ja nichts auch nur halbwegs Brauchbares zu vergeuden, und seine Knauserigkeit ist immer wieder Anlaß fĂŒr Streit. Aber seine Lagererfahrungen haben ihn ein fĂŒr alle mal gelehrt, stets auf eine Katastrophe gefaßt zu sein. FĂŒr ihn hat es so was wie Frieden seither anscheinend nie mehr wirklich gegeben.
Es erscheint auch fast wie ein Wunder, daß nicht nur Wladek, sondern ebenso seine Ehefrau Anja Auschwitz ĂŒberleben konnten. Bis zu ihrer Verbringung ins Lager konnte er sie beschĂŒtzen, danach war jeder auf sich gestellt und dem Zufall und der WillkĂŒr ausgeliefert, möglicherweise an einen brutalen KZ-Schergen zu geraten. Schon bald nach Kriegsende fanden sie sich jedoch tatsĂ€chlich wieder und verließen nur wenige Zeit spĂ€ter endgĂŒltig Polen, um ĂŒber Schweden schließlich in die USA zu gelangen. Dort aber beging Anja Spiegelman 1968 Selbstmord, ohne einen erklĂ€renden Hinweis. Es liegt nahe, die GrĂŒnde im nie ĂŒberwunden Holocaust zu suchen.
Art Spiegelman hatte 1967 angefangen, erste Underground-Comix zu veröffentlichen. 1972 erschien von ihm „Gefangener auf dem Höllenplaneten“, eine vierseitige Story, in der er den Suizid seiner Mutter thematisiert. Das und noch ein weiterer Dreiseiter namens „Maus“ aus demselben Jahr zeigten bereits das Trauma, unter dem die gesamte Familie litt - Art hatte es von seinen Eltern geerbt. Diese Ur-„Maus“-Version, noch viel mehr Funny Animal als die ausgearbeitete Fassung, zeigt zwar einen Vater auf der Bettkante, der seinem gespannt lauschenden Jungen die KZ-Erlebnisse als Gute-Nacht-Geschichte erzĂ€hlt. Die spĂ€teren, langen EinschĂŒbe, in denen Art Spiegelman ausfĂŒhrlich auf die GesprĂ€chsumstĂ€nde eingeht, unter denen die Aufzeichnungen der Berichte seines Vaters entstanden, und sie und sein Vorhaben zudem skrupulös reflektiert, dementieren aber die falsche Idylle. Mehrfach klingt statt dessen an, daß diese Erinnerungen wie ein Fluch ĂŒber Arts Kindheit gelegen haben mĂŒssen.
Fast zwanzig Jahre hat er schließlich gebraucht, um „Maus“ verwirklichen zu können. Und um genĂŒgend Abstand zu gewinnen, damit seinem Vater endlich Gerechtigkeit widerfĂ€hrt. Wladek Spiegelman hatte wohl nie ein Held sein wollen und ist es vielleicht auch gar nicht gewesen - jedenfalls nicht nach Hollywood-MaßstĂ€ben. Aber er hat ĂŒberlebt. Und das Zeugnis seines Leidens, seines Lebens ist ein großes, so erschĂŒtterndes wie ehrfurchtgebietendes Dokument der Menschlichkeit. Unverzichtbar. (Martin Budde)

Lesetipps:

 

 


Platz 9

Gaston
von André Franquin

 
Autor: André Franquin
Zeichner: André Franquin
Land: Belgien


Am 28. Februar 1957 erschien er erstmals auf der BildflĂ€che - und stand einfach nur rum. Kein Comic, kein Kommentar, nichts. Wenn es den Anti-Helden im Comic schlechthin gibt, dann ist es Gaston. (Mit Nachnamen ĂŒbrigens Lagaffe, wörtlich: Missgriff, Missgeschick.) Denn als solchen hatte ihn Andre Franquin (1924-97) ausdrĂŒcklich erfunden. WĂ€hrend alle anderen Comic-Figuren der damaligen Zeit noch Woche fĂŒr Woche brav und erfolgreich ihren Abenteuern nachgingen, war Gaston zunĂ€chst nur dazu da, seine Untauglichkeit fĂŒr jede herkömmliche Verwendung unter Beweis zu stellen. Und so fing er schnell an, die redaktionellen Seiten des “Spirou”-Magazins zu verunsichern bzw. seinen Vorgesetzten Fantasio in dessen Redakteurseigenschaft zu Verzweiflung und Weißglut zu treiben.
Gaston war anfangs selten mehr als der BĂŒrotrottel und PrĂŒgelknabe. Franquin gab sich mit der Grundidee vollauf zufrieden, das konventionelle Heldenschema durchbrochen zu haben, und der Rest war Klamauk: Wer spielt wem einen Streich? Langsam verschob sich aber der Schwerpunkt aufs “wie”, und nun konnte Gaston sein Potential allmĂ€hlich entfalten. Mit Phantasie und Beharrlichkeit ging er daran, nach seiner bloßen Anwesenheit auch seine Interessen durchzusetzen. Dazu gehörten alle Arten von Basteleien, Experimente oder musikalische Exzesse, nur keine geregelte BĂŒrotĂ€tigkeit. Das solcherart provozierte Establishment schlug, hauptsĂ€chlich in Person seines Handlangers Fantasio, hĂ€ufig recht handgreiflich zurĂŒck. Gaston aber quittierte jeden Korrektur- oder Erziehungsversuch mit stoischem Gleichmut. Im ĂŒbrigen durfte man darauf gefasst sein, dass Gastons AktivitĂ€ten und EinfĂ€lle immer wieder absurde Ergebnisse zeitigten. Mitunter genĂŒgte dafĂŒr sein bloßes Erscheinen, und schon ging es schief. Fehlendes Talent und den Hang zum Missgeschick machte er jedoch durch Enthusiasmus und Engagement mehr als wett. Dass seine Bastelleidenschaft und Experimentierfreude gleichzeitig einen subversiven, ironischen Kommentar zur damals noch allgegenwĂ€rtigen Technikbegeisterung - gerade auch im Comic - darstellten, sei nur am Rande erwĂ€hnt. (Ă€hnliches ließ Franquin ja ungefĂ€hr gleichzeitig im Zyklotrop-Zyklus seiner Hauptserie “Spirou und Fantasio” anklingen.) Man konnte sich aber darauf verlassen: selbst wenn infolgedessen das gesamte BĂŒro in die Luft flog - nie hatte es Gaston böse gemeint. Mit dieser unberechenbaren Mischung aus abstrusen Ideen und unbedarfter GutmĂŒtigkeit hatte Gaston die Redaktion insgeheim schon im Griff. Ihn zur Verantwortung zu ziehen, fruchtete nichts. Stets war er unschuldig wie ein großes Kind. Parallel dazu kam Andre Franquin mit “Spirou und Fantasio” immer schleppender voran. Er empfand diese Serie, die er als junger Spund ohne Erfahrung ĂŒbernommen und zu ungeahnten Höhen gefĂŒhrt hatte, zunehmend als TretmĂŒhle. Die LĂŒcken in ihrem ehedem kontinuierlichen Erscheinen wurden grĂ¶ĂŸer, und an ihre Stelle trat - natĂŒrlich Gaston. Ihre vorletzte Episode unter Franquin geriet schon zu einem langen Gaston-Abenteuer, zugleich verdoppelte sich der Umfang von dessen Auftritten zu einer vollen Seite pro Heft. Und schließlich gab Franquin 1968 die Titelserie endgĂŒltig ab, um sich nur noch seinem “BĂŒroboten” zu widmen.
Nun hatten beide freie Bahn. Auch rĂ€umte der bedauernswerte Fantasio jetzt seinen BĂŒrostuhl, und der Nachfolger Demel war bald nur noch ein nervliches Wrack. LĂ€ngst hatte sich außerdem Gastons TĂ€tigkeitsfeld auf die Nachbarschaft ausgedehnt. Und besonders der ewige Kleinkrieg mit Wachtmeister Knösel, dem Herrn der Knöllchen, gab ihm reichlich zu tun - noch ein Vertreter angemaßter AutoritĂ€t, dem Gaston seine eigene entgegensetzte: ein urwĂŒchsiges Recht auf KreativitĂ€t, ohne einengende Regeln, eine Form des Miteinanders, die nicht von Arbeitszeiten und Parkuhren bestimmt ist.
In der 70ern erlebte Gaston seine Hochphase. Seine Ideen wurden immer ausgefeilter ausgefallener und (aber-) witziger - oder die von Franquin. Denn endlich befreit von der ewigen RĂŒcksichtnahme auf bĂŒrgerliche SekundĂ€rtugenden konnte der nun seinem anarchischen Einfallsreichtum die ZĂŒgel schießen lassen und seinen schwungvollen Zeichenstil weiter entfalten. Wilde Verfolgungen, abstruse Verkettungen waren jetzt sein Metier und “Gaston” nichts anderes als VitalitĂ€t pur. Der ehedem unbekĂŒmmerte Tolpatsch entwickelte ansatzweise sogar so was wie ökologisches und soziales Bewusstsein - und er begann zarte Bande zu knĂŒpfen zu FrĂ€ulein Trudel, ehedem misogynes MauerblĂŒmchen in der Redaktion.
Die Serie rundete sich nun; von der anfĂ€nglichen Außenseiterklamotte mit bisweilen denunziatorischen ZĂŒgen hatte sie sich entwickelt zur lustvollen Konfrontation zwischen kraftvollem PhantasieĂŒberschuss und den zwanghaften Verwertungsinteressen der Arbeitswelt, die den Ausblick freigab auf eine anarchische Utopie. Höhe- und Schlusspunkt der Auseinandersetzung war ein fulminanter Fußtritt fĂŒr BruchmĂŒller, den cholerischen Vertreter des Kapitals. Dieser einmalige tĂ€tliche Angriff war ein Warnzeichen, dass sich der Konflikt nur noch mit MĂŒhe im Zaum halten ließ. LĂ€ngst hatte sich auch in Franquins Stil eine forcierte Anspannung eingeschlichen, bis zum Bersten angefĂŒllt mit unterschwelliger NervositĂ€t. Zwischenzeitlich hatte er sich ein Ventil verschafft mit den “Schwarzen Gedanken”, in denen er alle möglichen Formen alltĂ€glichen Irrsinns, vor allem gesellschaftliches Fehlverhalten, scharf karikierte, mit akribischer Wut und bissigem, schwarzem Humor. Doch fĂŒr eine solche AggressivitĂ€t war in “Gaston” kein Platz. Dessen subversive AnschlĂ€ge auf die Arbeitsmoral hatten freundlich und arglos zu bleiben.
Diese Anspannung entlud sich in einer persönlichen Katastrophe. Franquin verfiel einer manifesten Depression, die jede weitere Arbeit blockierte. In den 80er Jahren war es ihm weitestgehend unmöglich zu zeichnen, und als er sich Anfang der 90er Gaston noch einmal fĂŒr einige Strips vornahm, war diese alte, treibende, schließlich aber zerstörende Kraft verschwunden. Den letzten “Gaston”-Seiten sieht man an, wie vorsichtig, behutsam sie realisiert wurden. NatĂŒrlich war seine Gesundheit ein zu hoher Preis. Aber Andre Franquin war in aller Bescheidenheit nie in der Lage, weniger als alles zu geben, wozu er fĂ€hig war, und hat sein Limit dabei immer weiter voran getrieben. Entstanden ist auf diese Art ein klarer Beweis, dass auch eine scheinbar kleine Form zu großer Meisterschaft taugt. Mehr noch: “Gaston” ist ein Kunstwerk, das sich nie als solches verstand - gerade deshalb. (Martin Budde)

Lesetipps:

 

Leseproben:

 


Platz 10

Batman: The Dark Knight Returns
von Frank Miller

 
Autor: Frank Miller
Zeichner: Frank Miller
Land: USA


Was fĂŒr ein GefĂŒhl muß es wohl sein, etwas losgetreten zu haben, das einen kompletten Markt umkrempelte, was sich fĂŒr immer in das Gesicht eines ganzen Medienzweigs gebrannt hat? Man könnte das zum Beispiel Frank Miller fragen

Er hatte schon einiges auf dem Kerbholz gehabt. Unter seinen HĂ€nden war Anfang der achtziger die ausgelutschte Figur des "Daredevil" unerwartet zum Kult mutiert, "Elektra Assassin" hatte auf mehreren Ebenen neue MaßstĂ€be gesetzt, fĂŒr "Ronin" hatte er den höchsten Vorschuß abgesahnt, der je fĂŒr ein Comic gezahlt worden war. Nach all dieser Publicity-trĂ€chtigen Vorarbeit war klar, daß seine nĂ€chste Arbeit nicht als Insidertip den Markt betreten wĂŒrde: Die Batman-Story "The Dark Knight" erschien 1986 und schlug ein wie eine Atombombe. Die Kritiker ĂŒberboten sich mit Komplimenten, die Szene kriegte vor Staunen den Mund nicht mehr zu, die Auflagenzahlen zauberten ein sehr zufriedenes LĂ€cheln auf die Gesichter der DC-Bosse, und dann geschah etwas, das kaum ein Comic je hinkriegt: Batman wurde von einer Comicfigur zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Die Zeitungen riefen das Jahr des Batman aus, sofort trat Hollywood auf den Plan, und durch Tim Burton, der "Batman the Movie" von Anfang an als Merchandising-Monster und Giga-Blockbuster konzipiert hatte, erfuhren sehr bald auch Leute von der Existenz des dunklen Ritters, die noch nie ein Comic von innen gesehen hatten. Das Fledermaus-Logo klebte sehr bald auf allem, was es gibt, und nie zuvor rannten soviele Leute mit Batman-T-Shirt durch die Gegend.
Was aber das erstaunlichste an all diesen Entwicklungen war, war die Tatsache, daß hier etwas in den Olymp gehyped wurde, das es tatsĂ€chlich verdient hatte. Dieser Comic war nicht bloß angeblich eine Revolution - er war wirklich eine. Was an "The Dark Knight" so schockierte, war die rigorose Ernsthaftigkeit, mit der da jemand eine Geschichte ĂŒber einen Typen im FledermauskostĂŒm erzĂ€hlte. In einer noch nie zuvor gesehenen Hektik drosch da eine durch und durch mit Gewalt und Zynismus aufgeladene Story auf den Leser ein, die auch noch lustvoll in allen wunden Punkten der Psyche des Endachtziger-Reagan-Amerikas herumbohrte - keine nette oder gar besinnliche Unterhaltungsware, hier wurde scharf geschossen.
Miller hatte wie kaum jemand zuvor erkannt, was fĂŒr ein Symbolpotential in der Figur des Batman steckte. Batman war schon immer ein Charakter gewesen, der sich im Gegensatz zu seinem sauberen und braven "großen Bruder" Superman mit dem Dreck, der Nacht, den Schattenseiten, dem Wahnsinn auseinandersetzen mußte. So machte Miller seinen "Dark Knight" zu einem Politikum, einer Tour de Force durch all die negativen Seiten der Gesellschaft, die sich mit biestigen Kommentaren nicht zurĂŒckhielt, ganz gleich ob ĂŒber Medien, Gewalt in den Straßen, Selbstjustiz, Gesetz und Ordnung oder nukleare KriegsfĂŒhrung. Und als Kirsche auf den Kuchen ließ er den Jahre vorher schon arg in die Credibility-Gosse geratenen Batman zu einem neuen, fantastischen Glanz erblĂŒhen - indem er das Ende des Helden erzĂ€hlte, setzte er ihm die Krone einer Mythenfigur auf. Über die genauere Handlung des ganzen soll hier gar nicht erst ein Wort verloren werden - wenn man irgendeinen Superhelden-Comic der letzten zwanzig Jahre gelesen haben sollte, dann diesen; am besten im Original, um sich direkt von Millers grandioser Macho-Sprache in die Fresse hauen zu lassen.

Ach ja: Bedauerlicherweise, ganz ganz bedauerlicherweise hat Miller sich jetzt dazu ködern lassen, einen Teil zwei in die Welt zu setzen. Gemunkelt wird von einer beknackten Story, in der alle Helden die Welt verlassen haben und Batman auszieht, sie zu finden. Es wird grauenvoll werden, egal wie es wird. Wieder einer, der fĂŒr eine groteske Gage seine Seele verkauft. Frank, was hĂ€tte Dein Batman aus dem ersten Teil zu einer solchen Morallosigkeit gesagt? Du wĂŒrdest in diesem Augenblick mit dem Kopf nach unten an den Gotham Twin Towers baumeln. (Thomas Strauß)

Lesetipps:

 

 


Platz 11

ACME Novelty Library
von Chris Ware

 
Autor: Chris Ware
Zeichner: Chris Ware
Land: USA


Welch ein Wirrwarr. Jeder Versuch, die „ACME Novelty Library“ von Chris Ware - im Herbst 1993 begonnen und im FrĂŒhjahr 2000 (vorlĂ€ufig) abgeschlossen - in eine vernĂŒnftige Reihung zu bringen, ist ein zeitraubendes Unterfangen. Wechselnder Umfang und kraß unterschiedliche Formate - von kleinen, querformatigen BroschĂŒren bis zum riesengroßen Heft im Zeitungsformat - sowie eine mitunter kaum auszumachende, vertrackte Numerierung machen es einem nahezu unmöglich, die insgesamt vierzehn BĂ€nde sauber in einem Regal oder sonstwo unterzubringen.

Auf den ersten Blick faszinierend ist allerdings das altmodische, ornamentĂŒberladene Design jedes einzelnen Titels, das immer wieder anders den Stil der Versandhauskataloge, Werbezettel und Pulphefte zu Beginn des (20.) Jahrhunderts imitiert. Eine gedrĂ€ngte FĂŒlle an Schnörkeln, Vignetten, SchriftzĂŒgen und hochgestochenen, aber mikroskopisch kleinen ReklamesprĂŒchen fesselt und irritiert zugleich die Aufmerksamkeit. Dagegen besticht die Graphik des Inhalts zunĂ€chst mit wohltuender Klarheit - bis bei nĂ€herem Hinsehen deutlich wird, daß auch hier ein alles durchdringendes graphisches Konzept scheinbar spielerisch, in Wahrheit aber eisern zahllose disparate Einzelteile zusammenhĂ€lt, ohne daß sie unmittelbar miteinander in Beziehung stĂŒnden. In diesem Sammelsurium aus kurzen, cartoonesken Strips, Comic-Episoden, Illustrationen, Diagrammen, Heften im Heft, gefaketen (Klein-) Anzeigenseiten und noch manches mehr gibt es dennoch so was wie einen massiven, inhaltlichen Kern, einen ErzĂ€hlfaden, so verschlungen der sich auch abwickeln mag. Mehr als die HĂ€lfte der Hefte, nĂ€mlich acht Ausgaben, sind unmittelbar einer einzigen Story zuzuordnen: der von „Jimmy Corrigan, The Smartest Kid On Earth“ (und dazu kommen mindestens noch zwei, die frĂŒhe Versionen enthalten). Der Titel ist ein blanker Euphemismus, eine großzĂŒgige, marktschreierische Übertreibung, denn dieser J.C. ist weder Kid noch smart. TatsĂ€chlich ist er ein farbloser, 36jĂ€hriger Sonderling - Angestellter in einem GroßraumbĂŒro, ein Muttersöhnchen, furchtbar introvertiert, den eine Aura herzzerreißender Einsamkeit umweht. Sein zutiefst banales, belangloses Dasein schildert Chris Ware in quĂ€lend ereignisarmen Momentaufnahmen und absurden TagtrĂ€umen, in denen sich sein Protagonist etwa als altertĂŒmlicher BlechbĂŒchsenroboter sieht - rundum gepanzert - oder als Sci-Fi-Wunderkind, „The Smartest Kid On Earth“ eben, Pulp-Abenteuer erlebt. Jimmy Corrigans LebensuntĂŒchtigkeit, seine UnfĂ€higkeit zur Kommunikation wurzeln in einer vaterlosen Kindheit. Das geht aus kurzen EinschĂŒben hervor, die ihn als introvertierten Knaben zeigen, dessen Wahrnehmung die (erwachsene) Wirklichkeit glatt unterlĂ€uft. So nimmt seine Geschichte urplötzlich Fahrt auf, als ihn sein verschollener Vater eines Tages bittet, ihn zu besuchen. Diese Begegnung trĂ€gt alle ZĂŒge eines Fiaskos, denn weder der gutmeinende, aber von SchuldgefĂŒhlen geplagte Vater, noch der emotional hilflose und insgeheim von gewalttĂ€tigen Rachephantasien verfolgte Sohn kommen mit der Situation einigermaßen klar. Der eine flĂŒchtet sich in belangloses Geplauder, der andere in das, was er am ehesten kann: verwirrtes Schweigen. Dennoch geraten die VerhĂ€ltnisse ĂŒber die Dauer von Jimmys Anwesenheit - insgesamt nur wenige Tage - langsam, aber unaufhaltsam in Bewegung. Eingeschoben wird außerdem die Geschichte seines Großvaters, der als Kind ein Ă€hnliches Schicksal erlitt - das bis dahin kohĂ€renteste Kapitel der mĂ€andernden ErzĂ€hlung. Es scheint fast, als wĂ€re der frĂŒhe Elternverlust so etwas wie der Fluch dieser Familie. Und dann ĂŒberschlagen sich die Ereignisse: Jimmy reist schließlich ĂŒberstĂŒrzt ab, zutiefst verstört. Nur, auch daheim in Chicago hat sich manches verĂ€ndert. So besteht schließlich die vage Aussicht, daß er aus seinem trostlosen Kokon doch noch herausfindet - ein FĂŒnkchen Hoffnung, mehr nicht, aber immerhin...

Bleibt die Frage nach der Einbettung von Chris Wares tragischem Anti-Helden in diesen prĂ€tentiösen ACME-Kontext, der einen auffĂ€lligen Kontrast zur inneren Leere schafft, die seinen Jimmy Corrigan lĂ€hmt. Die aufwendige Ausstattung, das ĂŒberbordende Design , all das wirkt nur scheinbar widersinnig. In Wahrheit folgt es dem Gestaltungsprinzip des Horror vacui, zu ĂŒbersetzen mit panischer Angst vor der Leere - et voilĂ , da hĂ€tten wir den inneren Zusammenhang. EndgĂŒltig offenbar wird das, wenn man das Kleingedruckte der Pseudo-Anzeigen zum Beispiel wirklich liest: geworben wird da keineswegs fĂŒr „witzigen“ Schnickschnack, sondern fĂŒr lebenslange Komplexe, Instant-SchuldgefĂŒhle oder perfide RachegelĂŒste. Eine boshafte Revanche fĂŒr all die billigen Ersatzbefriedigungen, die frĂŒher ĂŒber solcherart aufgemachte Inserate an ahnungslose, wunderglĂ€ubige Kinder vertickt wurden. Oder die zahlreichen, akribischen Bastelbögen, die fast jeden ACME-Band zieren: mit ihnen lassen sich Ersatzwelten schaffen, kleine Figuren und Dioramen nach Motiven der Geschichten, die ja an sich ganz niedlich sind und auch garantiert funktionieren. Nur können sie im Zweifelsfall wirklich ĂŒber ein ungelebtes Leben hinweg trösten? Und was ist davon zu halten, wenn eine der peniblen, jovialen Bastelanleitungen den Tip gibt, bei aufkommenden Schwierigkeiten einen Erwachsenen um Hilfe zu bitten, darĂŒber aber unversehens völlig aus dem Ruder lĂ€uft und selbst zu einem einzigen Hilfeschrei nach dem abwesenden Vater mutiert?

Keine Frage: die „ACME Novelty Library“ ist ein ausgetĂŒfteltes, vielschichtiges und durchkomponiertes Großunternehmen, beseelt von einem ungeheuren Gestaltungswillen, vor allem aber von einem zentralen Anliegen, das sich massiv, mit aller Wucht auf sĂ€mtlichen Ebenen und in jedweder Form Bahn bricht. Unnötig zu erwĂ€hnen, daß auch die scheinbar humoristischen Strips, die den Rest der Library ausmachen, in Wahrheit todtraurige Geschichten von Verlust-, Versagens- und Versagungsangst sind. Was so geschmĂ€cklerisch daherkommt, ist somit ein emotional höchst aufwĂŒhlendes Opus magnum, das einen beinah erschlĂ€gt, so bald man sich nĂ€her darauf einlĂ€ĂŸt. Wer sich diesem beispiellosen Comic-Monument nĂ€hert, sollte darauf gefaßt sein, mehr zu bekommen, als er jemals verlangt hat. (Martin Budde)

Lesetipps:

 

 


Platz 12

Spirou & Fantasio
von André Franquin

 
Autor: André Franquin
Zeichner: André Franquin
Land: Belgien


Franquins Version des Hotelpagen Spirou verhĂ€lt sich zu "Tim und Struppi" wie John Lennon zu Beethoven oder sagen wir besser wie Nietzsche zu Hegel. HandlungsstrĂ€nge werden einfach fallengelassen, Ideen (ohne sie groß auf ihre QualitĂ€t hin zu testen) kurzerhand eingebaut, Slapstickeinlagen, die manchmal ĂŒberhaupt nicht lustig sind, auf Kosten der Story in die LĂ€nge gezogen, vom Verleger genormte Seitenzahlen ĂŒber- und unterboten, Abenteuer abrupt abgebrochen, Kollegen zur Fertigstellung von Alben zu Hilfe gerufen, kurz: es wird alles getan, um soetwas wie KohĂ€renz gar nicht erst auch nur im Ansatz aufkommen zu lassen. Daher ist Andre Franquins Spirou-Run (die Figur hatte Rob Velter in den spĂ€ten Dreißigern erfunden) wahrscheinlich auch der einzige klassische Abenteuer/Funny-Comic, der in Aphorismen erzĂ€hlt ist. Bis das von Depressionen geplagte Genie dies jedoch bemerkte und deshalb auf die diesem Prinzip (zumindest aus kulturindustrieller Sicht) nĂ€herstehende Onepager-Serie "Gaston" umstieg, hatte er bereits Material fĂŒr satte 17 Alben (die ersten Gehversuche mal nicht eingerechnet) fertiggestellt. Check this out: "Der Doppelte Fantasio", "QRN ruft Bretzelburg" und "Schnuller und Zyklostrahlen" (Marc SagemĂŒller)

Lesetipps:

 

Leseproben:

 


Platz 13

Stray Toasters
von Bill Sienkiewicz

 
Autor: Bill Sienkiewicz
Zeichner: Bill Sienkiewicz
Land: USA


Bevor man "Stray Toasters" aufschlĂ€gt, sollte man erst noch ein paar mal tief Luft holen, denn weiteres Atmen wird man fĂŒr die Dauer der LektĂŒre vergessen. Selbst heute noch, 12 Jahre nach seinem Erscheinen, fĂŒhlt man sich beim Betrachten dieses ausschweifenden StilgebrĂ€us, als hĂ€tte jemand einem zwanzig Eimer Farbe ins Gesicht geklatscht. Mit dieser Serie erstrahlte Bill Sienkiewicz Ende der achtziger fĂŒr einen kurzen Augenblick zu einem Jimi Hendrix der Comics – hier war einer, der von A bis Z sein Handwerk beherrschte, kalkuliert explodiert, hatte sich in orgiastischer Schaffenswut den Weg freigezeichnet und dabei so ziemlich jede Regel gebrochen, die dem Begriff „Comiczeichnung“ bis dahin innewohnte.

Als der frisch von der Designschule entlassene Sienkiwicz Ende der siebziger feststellen mußte, daß die New Yorker Kunstszene Neulinge nicht eben mit offenen Armen zu empfangen pflegt, stieg er zunĂ€chst in die Niederungen der Werbeillustration und der Comics hinab. Mit einem durchtrainierten Stil, der dem Strich vom Marvel-Ikone Neil Adams erstaunlich Ă€hnlich sah, erwarb er sich Respekt als Penciller fĂŒr Serien wie „Moonknight“ und die „Fantastic Four“.
1985 legte er mit Frank Miller als Szenarist bereits das erste Erdbeben hin: „Elektra Assassin“ war einer der ersten großen Vertreter des neuen Kreativ-Rausch am Comicmarkt, ein smart abgefaßter und farbenschreiender Herold einer neuen Welle von Autoren und Zeichnern, die zu jener Zeit aufbrachen, die dröge gewordene US-Comic-Landschaft mit einer grundlegenden Frischzellenkur zu versorgen. In einigen Ausgaben „The Shadow“ konnte Sienkiewicz seiner Experimentierfreude noch ein wenig schwelen lassen, bis sie in seinem selbstverfaßten, kruden SciFi-Krimi „Stray Toasters“ zur endgĂŒltigen Explosion kam.

Worum es geht? Der Teufel macht Urlaub in New York, wĂ€hrend der alkoholkranke Inspektor Egon Rustemagick einen Frauenmord aufklĂ€ren muß, der durch einen zum Roboter umfunktionierten Toaster begangen wurde, bei dem ein Kind anwesend war, daß von Rustemagicks Ex-Freundin aufgenommen wird, wĂ€hrend ein degenerierter Doktor elektrische KrĂ€hen nach ihm ausschickt, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen, bevor...
Wer glaubt, daß das alles allein schon reichlich wirr wĂ€re, der wird erst recht durch die kreischende Inszenierung gekillt: eingebettet in mehrere ErzĂ€hlperspektiven pfeift einem ein wĂŒster Mix aus Feder, Pinsel, Airbrush, KopiergerĂ€t, Materialcollage und was noch alles um die Ohren – ein designerisches Stahlbad, daß bis heute seinesgleichen sucht. Viele haben sich spĂ€ter in so etwas versucht, aber kaum jemand hat dieses Konzept zu so einer Meisterschaft gebracht.
„Stray Toasters“ markierte den Höhepunkt einer kurzen, glanzvollen Epoche der fieberhaften Innovation, die damals die US-Szene ĂŒberkam und Versprechungen auf eine Zukunft machte, die leider nie wirklich eingelöst wurden. Die Karrieren der damaligen Sturm- und DrangkĂŒnstler wurden spĂ€ter grĂ¶ĂŸtenteils in den mauen Superhelden-Mainstream zurĂŒckgesogen, so auch die von Sienkiewicz. Er und seine Mitstreiter waren so weit gegangen, daß sich am Ende kaum noch einer traute, ihnen zu folgen, erst recht die Leser nicht. Jammerschade eigentlich. (Thomas Strauß)

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Platz 14

EC New Trend
von diverse

 
Autor: div.
Zeichner: div.
Land: USA


"The Big If", Johnny Craig, "Mars Is Heaven", TWO-FISTED TALES, Jack Kamen, "F-86 Sabre Jet", CRIME SUSPENSSTORIES, "Bird-Dogs", Reed Crandall, "The Aliens", WEIRD FANTASY, "A Baby", MAD, "The Small Assassin", Graham Ingels, "When The Cat’s Away", "The Whipping", Harvey Kurtzman, "The Patriots", THE VAULT OF HORROR, "More Blessed To Give", Al Feldstein, PIRACY, "Shoe Button Eye", SHOCK SUSPENSTORIES, George Evans, "He Walked Among Us", Jack Davis, "Custer’s Last Stand", "The Mole", Joe Orlando, "Pipe-Dream", THE HAUNT OF FEAR, "Mud", Bill Elder, "Rubble", John Severin, "Shermlock Shoes", ACES HIGH, "In The Bag", "There Will Come Soft Rains", FRONTLINE COMBAT, "Seep No More", Marie Severin, "The Tryst", TALES FROM THE CRYPT, "The Night Before Christmas", Wallace Wood, "The Master Race", WEIRD SCIENCE FANTASY, Joe Kubert, "Superduperman", Bernie Krigstein, "Under Cover", Al Williamson, "Plucked", WEIRD SCIENCE, Frank Frazetta, "Atom Bomb", PANIC, "Touch And Go", "Hannibal", Alex Toth, IMPACT, "Dying City"... (Marc SagemĂŒller)

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Platz 15

Blake & Mortimer
von Edgar P. Jacobs

 
Autor: Edgar P. Jacobs
Zeichner: Edgar P. Jacobs
Land: Belgien


Klarer kann die Linie kaum noch sein. Was Ex-Opernbariton Jacobs mit seiner acht Geschichten umfassenden Reihe um den Scotland-Yard-Inspektor Francis Blake und Professor Philip Mortimer schuf, ist nicht nur Vorzeige-Frankobelgisch, mit einer beinahe perversen zeichnerischen Abgehangenheit, sondern ebenso ein Extrem dessen, was im Medium Comic an synchronem Over- und Understatement ĂŒberhaupt möglich ist. ZunĂ€chst Abenteuer-Stories - Krimi, Science Fiction, Fantasy miteinbringend - , sind Alben wie Das Geheimnis von Atlantis, SOS Meteore und vor allem das berĂŒhmte Gelbe M eigentlich, darin die berufliche Herkunft ihres Schöpfers bestĂ€tigend, reinste Studien in Rhythmus und Harmonie. Zu beinahe ĂŒberirdisch gekonnter Graphik (wer die fĂŒr altmodisch hĂ€lt, werfe einen Blick in Chris Wares ACME Novelty Library und dann einen zurĂŒck zu Jacobs) beschert einem der grandios unverquatschte ErzĂ€hler KĂ€stchentexte wie „Mortimer rutscht in den Teich!“, wobei das dazugehörige Panel dankbarerweise zeigt, wie Mortimer in den Teich rutscht. Allein die ersten 20 Seiten von SOS Meteore, die Jacobs damit verbringt, Mortimer den lĂ€ngsten, verwirrtesten und spannungsunaufgeladensten Spaziergang der Comicgeschichte machen zu lassen, sind schieres zweckfreies Pathos und mindestens eine Magisterarbeit wert. (Sven-Eric Wehmeyer)

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Platz 16

Love and Rockets
von Jaime & Gilbert Hernandez

 
Autor: Jaime Hernandez
Gilbert Hernandez
Zeichner: Jaime Hernandez
Gilbert Hernandez
Land: USA


Zu Beginn der Achtziger war "Love & Rockets" eine Art SF-Soap, die sich durch einen recht heftigen Spiderman-Einschlag auszeichnete (noch heute lassen sich Spuren der beiden zentralen Spiderman-Zeichner der sechziger Jahre, Steve Ditko und John Romita, bei Gilbert und Jamie finden). Da ging es um Liebe und andere Kleinigkeiten unter jungen Raumschiff-Mechanikern (was auch den inzwischen etwas rĂ€tselhaften Titel erklĂ€rt). Das SF-Element wurde jedoch schnell zugunsten zweier sehr realistisch gestalteter Mikrokosmen fallengelassen: einem Vorort bzw. Stadtteil von Los Angeles (Jamie) und dem lateinamerikanischen Kaff Palomar (Gilbert). Diese bevölkerten die GebrĂŒder mit Kleinkriminellen, Bauern, Irren, Punkrockerinnen, Schweinerockern, Dicken, DĂŒnnen, Lesben, Schwulen, Catcherinnen, Homeboys, Homegirls, Deppen, Metallern, Skatern, Auswanderern, Einwanderern etc. (Robert Altman lĂ€sst herzlich grĂŒĂŸen). Der Motor, der die Serie seitdem am laufen hĂ€lt, ist ein aus der Literatur bekanntes Konzept, welches frĂŒher mal Entwicklungsroman hieß und mittlerweile (in Anlehnung an die Filmreihe von Francoise Truffaut) in "Antoine Doinel"-Prinzip umbenannt wurde, da fĂŒhrende Wissenschaftler festgestellt haben, dass so etwas wie Entwicklung im idealistischen und humanistischen Sinne nicht wirklich existiert und es stattdessen nur so ein stĂ€ndiges Hin und Her gibt, das dann am Ende auf den Namen Leben hört. Das mag jetzt vielleicht ein wenig merkwĂŒrdig klingen, bedeutet aber nichts anderes, als dass sich die Figuren zusammen mit der Serie verĂ€ndern und Ă€lter werden. Es ist in diesem Zusammenhang zwar schon ungefĂ€hr 18793 mal erwĂ€hnt worden, ich muss jedoch trotzdem noch ein weiteres mal darauf hinweisen: Maggie Chascarrillo ĂŒber die diversen BĂŒcher hinweg beim Dickerwerden zuzusehen, ist nicht nur schlichtweg grandios, sondern auch bezeichnend dafĂŒr, wie "Love & Rockets" funktioniert.
Auch wenn es sicherlich nicht leicht ist, in eine laufende Serie einzusteigen, die beiden bei Reprodukt erschienenen BĂŒcher"Der Tod yon Speedy" (Jamie) und "Das Blut von Palomar" (Gilbert), die den BĂ€nden 7 und 8 der amerikanischen Gesamtausgabe entsprechen, eignen sich hervorragend fĂŒr Interessierte, die feststellen wollen, ob "Love & Rockets" ihr Ding ist. (Marc SagemĂŒller)

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Platz 17

The Spirit
von Will Eisner

 
Autor: Will Eisner
Zeichner: Will Eisner
Land: USA


Sieht man einmal von frĂŒhen Auftragsarbeiten ab, so kann man die Karriere Will Eisners in drei bemerkenswerte Abschnitte aufteilen: Da gibt es seinen Spirit, der sich von 1940 bis 1952 in insgesamt 649 Folgen durch die Sonntags-Supplements amerikanischer Zeitungen kĂ€mpfte, das warmherzige (bösmeinende Menschen sagen auch kitschige) Alterswerk und die theoretischen BĂŒcher, die das Medium erstmals auf kommunikationstheoretische Beine stellte. Daß im Comicpantheon einzig der Spirit ĂŒberleben wird, liegt wohl daran, daß Eisner Zeit seines Lebens ein hoffnungsloser Romantiker geblieben ist; so ein Mensch hat im Zeitalter von MTV und Serienkillern einfach nichts verloren. Der Spirit jedoch besticht durch weit mehr als pure Nostalgie. Ähnlich wie Orson Welles die Sprache des Films neu definierte hat Eisner mit seinen Spirit-Stories dem Medium Comic neue Ausdruckformen verliehen. Es sind seine schrĂ€gen Perspektiven, seine meisterhafte Verwendung von Licht und Schatten und schließlich sein perfektes erzĂ€hlerisches Timing, die den Sprit auch heute noch zu einem LesevergnĂŒgen machen. Dabei orientierte er sich weniger am populĂ€ren Medium Film, als vielmehr an der zeitgenössischen Literatur und am Theater. Eisners Figuren agieren auf einer BĂŒhne, deren Hintergrund die amerikanische Großstadt ist, und scheinen mitten aus dem prallen Leben gegriffen. Eisner erzĂ€hlt von Armut und Verelendung, vom hoffnungslosen Dasein einer gesichtslosen Angestelltengesellschaft und von Menschen, die trotz vieler RĂŒckschlĂ€ge nie die Hoffnung auf ein besseres Leben verlieren. Oft genug tritt seine Hauptfigur, der maskierte VerbrecherjĂ€ger Spirit, dabei in den Hintergrund oder dient lediglich als Katalysator, der die Handlung zu ihrem bestmöglichen Ende bringt. Eisners Kunst besteht darin, dem Leser seine Gesellschaftskritik nicht mittels eines platten Naturalismus um die Ohren zu hauen. Seine Stilmittel haben immer Humor und MitgefĂŒhl umfasst. Warmherzig, eben - oder kitschig... (Lutz Göllner)

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Platz 18

Lucky Luke
von Goscinny & Morris

 
Autor: Goscinny René
Zeichner: Morris
Land: Belgien


Lucky Luke von Goscinny und Morris (eigentlich: Maurice de BevĂ©re) gehört zu den Comics, ĂŒber die mittlerweile vielleicht zu selten ein lobendes Wort verloren wird, da eh jeder wenigstens ein paar BĂ€nde ganz selbstverstĂ€ndlich im Regal stehen hat. Das liegt aber mitnichten an irgendwelchen „Bin-damit-aufgewachsen“-SentimentalitĂ€ten, sondern schlicht an der QualitĂ€t. Zusammen mit Asterix ist die Westernserie um den Mann, der schneller schiesst als sein Schatten, und dessen Untersatz Jolly Jumper, ein Hegel der Pferde, eine der WiederundwiederholungslektĂŒren, die sich null abnutzen und einen von der Wiege bis ins Grab begleiten. Das hat seine GrĂŒnde: beide Reihen hat Goscinny getextet, Olympier unter den Szenaristen, dessen Einzelstellenkomik ein NacherzĂ€hlpotential wie die besten Monty Python - Sketche besitzt. ZusĂ€tzlich schafft er es, seinem Revolverhelden in den mit allerlei Wilder-Westen-Facts (Wells Fargo, Siedlertrecks, Stacheldraht, Jesse James, Calamity Jane etc.) angereicherten Bombenstories ernstnehmbare CharakterzĂŒge zu verleihen, was den einsamen Ritt in den Sonnenuntergang (die running Schlussszene) immer wieder ĂŒberzeugen lĂ€sst. Morris ist dabei ein Grossmeister des Minimalismus, dessen Barkeeper oder KopfgeldjĂ€ger schon mal aussehen wie Alfred Hitchcock oder Lee van Cleef, der aber derart karikierende Elemente sparsam am Rande einsetzt und sich mehr auf die spröde, staubig-karge Inszenierung seiner schratigen Figuren konzentriert. Überhaupt ist das alles keine Parodie, sondern völlig in sich funktionierend, dabei aber nicht weniger „authentischen Western“ rĂŒberbringend als Blueberry. Wenn man viele Comics wegwerfen mĂŒsste - diesen nicht. (Sven-Eric Wehmeyer)

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Platz 19

Peanuts
von Charles M. Schulz

 
Autor: Charles M. Schulz
Zeichner: Charles M. Schulz
Land: USA


Die Peanuts-Sonntagsseite vom 11. Oktober 1964: Charlie Browns Schwester Sally ist ganz unbekĂŒmmert mit SeilhĂŒpfen beschĂ€ftigt, als sie plötzlich innehĂ€lt und zu weinen anfĂ€ngt. Besorgt kommt Linus herbeigelaufen und fragt: "Was ist denn los, Sally? Ist was passiert? Warum weinst du so?" Und Sally antwortet ihm: "Ich weiß auch nicht... ich bin seilgesprungen und fĂŒhlte mich prima... als mit einmal... alles so vergeblich schien."
Hmm, ist das jetzt ein brauchbarer (oder mehr als brauchbarer) Versuch, diesem allseits bekannten GefĂŒhl, wenn einem ohne ersichtlichen Grund der Boden unter den FĂŒĂŸen weggezogen wird, eine Ă€sthetische Form zu verpassen, oder handelt es sich einfach nur um banalen Kitsch, der einen Komplex wie AbgrĂŒndigkeit dazu benutzt, um Credibility vorzutĂ€uschen und ansonsten ĂŒber dĂŒmmliche Niedlichkeiten und moralinsaure Scheiße funktioniert? Ja, richtig vermutet, ich gehe davon aus, dass ersteres der Fall ist. Denn anstatt eine Auflösung des hier dargestellten Problems zu prĂ€sentieren - es also zu entschĂ€rfen (Marke: "ist doch nicht so schlimm") - wird selbiges zunĂ€chst in seiner ganzen PhĂ€nomenalitĂ€t ausgewalzt und dann erst auf dem letzten Panel dem Leser/Linus staubtrocken und ohne einen Funken Hoffnung an die verdatterte Weichei-Birne geworfen. Die Pointe ist, dass die Pointe gar keine Pointe ist und trotzdem wie eine wirkt. Genial! Diese Sonntagsseite von 1964 steht hier stellvertretend fĂŒr all die Peanuts-Strips, die Charles M. Schulz (1922-2000) 50 Jahre lang (1950-2000) mit mehr oder minder gleichbleibender QualitĂ€t (Konsens ist - und dem schließe ich mich an - dass seine Arbeiten aus den Sechzigern und frĂŒhen Siebzigern den Höhepunkt darstellen) und ohne einen einzigen Tag Unterbrechung gezeichnet hat. (Marc SagemĂŒller)

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Leseproben:

 


Platz 20

Krazy Kat
von George Herriman

 
Autor: George Herriman
Zeichner: George Herriman
Land: USA


Er war trotz der langen Laufzeit nie ein großer Erfolg. Gottseidank gehörte Medien-Tycoon William Randolph Hearst zu seinen fanatischsten Bewunderern und sorgte dafĂŒr, daß George Herrimans Zeitungsstrip Krazy Kat bis zu dessen Tod 1944 in seinem New York American veröffentlicht wurde. „Krazy Kat lĂ€ĂŸt sich mit keinem anderen Comic-Strip davor oder danach vergleichen“, sagt Calvin & Hobbes - Schöpfer Bill Watterson ĂŒber das Werk, das in ziemlicher Einigkeit als der grĂ¶ĂŸte amerikanische Comic ĂŒberhaupt bezeichnet wird. Pablo Picasso war ebenso Fan wie Gertrude Stein, die Sprachshaker James Joyce den Inhalt der neuesten Folgen durchs Telefon beschrieb, wenn der sie nicht lesen konnte. Das Idiom, in dem Herriman seine Figuren sprechen lĂ€ĂŸt, ist denn auch als aus verschiedenen Sprachen zusammenbabylonisierte Klitterung von Slangsounds, Neologismen und bis zum Wahn vergnurgsten Puns nicht furchtbar weit von Finnegans Wake entfernt. Doch Krazy Kat schlĂ€gt an keiner Stelle, wie es sich fĂŒr große Kunst gehört, kultursnobistische Krampffalten. Variiert wird im Kern lediglich dieses: Krazy Kat (wahrscheinlich eher weiblich) liebt Ignatz Maus. Ignatz haßt die Katze und ballert ihr Ziegelsteine an den SchĂ€del, um den bei jedem Treffer Herzchen schwirren. Offissa Pupp liebt Krazy und versucht, sie vor der gnatzigen Maus zu schĂŒtzen. Abspielen tut sich dieses verkorkst-sanfttraurige, mit Humor vom Mars versehene GefĂŒhlsdramolett im wĂŒstenartigen Coconino County, in welchem, wechselnd von Panel zu Panel, VorhĂ€nge auf- und zugehen, seltsame Kakteen zu seltsameren Felsen werden, es plötzlich vom Tag zur Nacht schwenkt und angeknusperte Monde an FĂ€den vom Himmel hĂ€ngen. Krazy Kat zeigt nahezu alles, was die Kunstform zu leisten vermag, bleibt dabei aber in seiner stricheligen, schwerelosen SchrĂ€gness locker, bescheiden und unfaßbar unantiquiert - ein Strip ohne jeden Makel und derart frisch, als wĂ€re soeben die Tusche getrocknet. (Sven-Eric Wehmeyer)

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Platz 21

Conan
von Roy Thomas & Barry Windsor-Smith

 
Autor: Roy Thomas
Zeichner: Barry Windsor-Smith
Land: USA


„...und dann“, so beschreibt Barry Windsor-Smith gerne das Ende seiner ersten Zeit in Amerika, „kamen zwei freundliche Herren von der Einwanderungsbehörde und zeigten mir den Weg zum Hafen.“ Exit Barry Smith, talentierter, aber keineswegs auffĂ€lliger Kirby-Epigone, der als Abschlußarbeit an der königlich-britischen Kunsthochschule eine Neuinterpretation des Kampfes Hulk gegen das Ding abgeliefert hatte und die freundliche Bewerbungsablehnung der Marvel-Redakteurin Marie Severin („Wenn Sie in der NĂ€he sind, schauen Sie doch vorbei.“) als Aufforderung zur Immigration mißverstand. Im Winter 1969 lebte er zeitweise in New York auf einer Parkbank, ging tagsĂŒber ins Marvel-BĂŒro und zeichnete bis zu seiner Ausweisung jedes Skript, das man ihm vorlegte. Sein GlĂŒck war, daß Roy Thomas, damals zweiter Mann im Verlag hinter Stan Lee, dringend einen Zeichner fĂŒr sein Projekt „Conan The Barbarian“ suchte und dafĂŒr auf Barry Smith verfiel. Noch von England aus zeichnete der damals 21jĂ€hrige die ersten Hefte der Serie. Gleichzeitig bemĂŒhte sich der Verlag vor den obersten Gerichtshof der USA, um dem jungen Zeichner als bescheinigtes Genie die Einwanderung zu ermöglichen. Mit der Lösung dieses politischen Problems platzte auch bei Smith der kĂŒnstlerische Knoten: Das vierte Conan-Heft The Tower Of The Elephant brach radikal mit dem Kirby-Stil. Smith, geschult an den britischen PrĂ€raffaeliten und anderen KĂŒnstlern des Jugendstils, schuf seine eigene Fantasywelt. Harte Action trat immer mehr in den Hintergrund zugunsten von Mimik, exotischen Landschaften und flĂ€chigen Ornamenten. Doch Smith kolidierte zunehmend mit dem amerikanischen Verlangen nach Seiten. „I Must be mad, sitting here drawing all these coins“, versteckte er als Botschaft in einem Panel seines achten Conan-Hefts. Dennoch blieb er bis zur Nummer 24 an Bord. Auch wenn zwei Hefte lediglich Reprint-Material prĂ€sentierten und zwei von Gastzeichner Gene Colan waren bleibt Conan doch Smiths beste Arbeit und einer der schönsten runs, den amerikanische Comicserien zu bieten hatten. (Lutz Göllner)

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Platz 22

Spider-Man
von Steve Ditko & Stan Lee

 
Autor: Stan Lee
Zeichner: Steve Ditko
Land: USA


Als Spider-Man 1962 in »Amazing Fantasy« 15 an seinen Spinnenweben ins Rampenlicht der Öffentlichkeit schwang, kam dies einer kleinen Revolution gleich. Wohl niemand hĂ€tte damals den phĂ€nomenalen Erfolg dieser Figur voraussehen können, der heute, nach ĂŒber drei Jahrzehnten, nicht weniger als vier eigene Reihen gewidmet sind.
»Du kannst ihn nicht Spider-Man nennen, weil die Leute Spinnen hassen.« - »Ein Teenager kann doch kein Superheld sein.« - »Du kannst ihm nicht so viele Probleme andichten - er wird nicht mehr heroisch genug erscheinen« - »Ein Held muß groß und stark sein«
Stan Lee und Steve Ditko ließen sich von diesen EinwĂ€nden nicht beirren und schufen einen der originellsten Superhelden, dessen erstes Heft zum grĂ¶ĂŸten Erfolg des Verlages avancierte. Im Gegensatz zu seinen adretten, immer korrekt gekleideten und gut gelaunten Superhelden-Kollegen war Spider-Man ein Mensch mit Ecken und Kanten der mit seinen eigenen UnzulĂ€nglichkeiten genauso zu kĂ€mpfen hatte, wie mit seinen Feinden; der nicht nur regelmĂ€ĂŸig sein KostĂŒm, sondern auch sein Liebesleben zu flicken hatte; der zwar jede Menge Sorgen hatte, aber immer auch einen flotten Spruch auf den Lippen fĂŒhrte, mag die Situation auch noch sie aussichtslos sein.
Die Ursprungsgeschichte verlĂ€uft noch nach Schema F: Der Highschool-SchĂŒler Peter Parker wird von einer radioaktiven Spinne gebissen und erhĂ€lt dadurch deren proportionale Kraft und Wendigkeit. Mit seinen hervorragenden Chemiekenntnissen entwickelt er synthetische Spinnweben, die er aus kleinen DĂŒsen an den Handgelenken hervorschießen und daran durch Manhattans HĂ€userschluchten schwingen kann. Der Mord an seinem Onkel Ben, den er hĂ€tte verhindern können, fĂŒhrt ihn zu der Erkenntnis, daß »mit großer Macht auch große Verantwortung einhergeht«, und so widmet er sein weiteres Leben der VerbrechensbekĂ€mpfung. Im Gegensatz zu andern Superhelden wird er jedoch nicht bewundert, sondern von der Polizei gejagt und von seinen MitbĂŒrgern gefĂŒrchtet.
Wie keine zweite Figur verkörpert Spider-Man den Marvel-Kosmos, und auch wenn seine Anfangsjahre gegen die heutige Inflation von grafischer Gewalt und inhaltlicher Leere recht antiquiert wirken, sind sie doch immer noch herrlich unterhaltsam. (Cord Wiljes)

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Platz 23

Johann & Pfiffikus
von Peyo

 
Autor: Peyo
Zeichner: Peyo
Land: Belgien


NatĂŒrlich ist er der Meister der SchlĂŒmpfe. Mit seinem rundlichen, geschmeidigen Stil konnte wohl Pierre Culliford alias Peyo (1928-1992) gar nicht anders, als frĂŒher oder spĂ€ter den Niedlichkeitsnerv eines Massenpublikums mitten ins Mark zu treffen. Nichts ist jedoch absturzgefĂ€hrdeter als ein „Oh, wie sĂŒĂŸ!“-Faktor, vor allem, wenn man ihn noch mit Merchandise-MĂŒll und mediokren Zeichentrickfilmchen traktiert. Das konnte einem das zweifellos berechtigte VergnĂŒgen an den frĂŒhen Schlumpf-Geschichten grĂŒndlich vermiesen, und dazu hĂ€tte es Vader Abraham noch nicht mal gebraucht. Eine Misere, die Peyo sogar nach KrĂ€ften gefördert hat. Und wĂ€hrend die blauen Zwerge ĂŒber die Bildschirme tollten, durch komische Kakao-Werbung zogen und natĂŒrlich als PVC-PĂŒppchen in albernsten Verkleidungen aus unzĂ€hligen SetzkĂ€sten purzelten, hatten ihre eigentlichen Entdecker darunter am meisten zu leiden.
1958 betraten Johann und Pfiffikus erstmals das „Verwunschene Land“, Heimat der SchlĂŒmpfe. Zu diesem Zeitpunkt waren sie bereits fest etabliert. Johann verkörperte als Page eines sympathischen Königs in einem kleinen Mittelalter-Reich die klassischen Rittertugenden, stets edel, hilfreich und gut. Dasselbe ließe sich auch von seinem treuen Begleiter und Knappen Pfiffikus sagen - klein, aber oho -, wĂ€re er weniger temperamentvoll, verfressen, aufschneiderisch, musikliebend (obwohl völlig unmusikalisch) und in ruhigeren Zeiten eine einzige Landplage - kurz: wĂ€re er nicht Pfiffikus. Dieses ungleiche Gespann hatte bis dahin trotzdem gemeinsam, umsichtig und tollkĂŒhn in fĂŒnf Jahren und sechs Alben zahlreiche Schurken schachmatt gesetzt, manchen Spuk beendet sowie Witwen und Waisen beschĂŒtzt. Damit zĂ€hlten sie ohne Zweifel zu den Stars des „Spirou“-Magazins. Und dann begegneten ihnen zufĂ€llig die SchlĂŒmpfe...
Auch mit den blauen Wichteln ließ der Reiz ihrer Abenteuer keineswegs nach. Nur wurden sie sie erst nicht mehr los, dann ihre Auftritte zunehmend seltener, und schließlich verschwanden sie sogar ganz, weil Peyo vor lauter SchlĂŒmpfen schlicht keine Zeit mehr fĂŒr sie fand. Wie er seine Comic-AktivitĂ€ten letztlich ĂŒberhaupt nahezu einstellte, da er sich fast nur noch um die Zweit-, Dritt- und Viertverwurstung seines Mega-Erfolgs mit den Miniwesen kĂŒmmerte. So lag jahrelang ein Szenario fĂŒr eine weitere „Johann und Pfiffikus“-Episode in Peyos Schublade, aber erst nach seinem plötzlichen Tod wurde es unter FederfĂŒhrung seines Sohnes Thierry von Zeichnern aus dem schon lange vorher gegrĂŒndeten Studio Peyo realisiert. (Und noch zwei weitere folgten seitdem, neben einigen Schlumpf-BĂ€nden!)
Peyos RĂŒckzug aus dem Comic-GeschĂ€ft war insofern schade, als seine ĂŒberaus klare, eingĂ€ngige Graphik und sein GespĂŒr fĂŒr unterhaltsames GeschichtenerzĂ€hlen ihn binnen weniger Jahre zu einem Meister und vielleicht den typischsten Vertreter der „Ecole Marcinelle“ gemacht hatten, jener Stilmischung der „Spirou“-Equipe, die sich bei aller individuellen Verschiedenheit in ihrer Dynamik deutlich - und zwar wohltuend - absetzte vom damals fĂŒr vorbildlich gehaltenen, aufgerĂ€umten und „sauberen“ Strich Ă  la HergĂ©.
Dabei hatte man Peyo als absoluten Autodidakten erst Jahre spĂ€ter zu „Spirou“ geholt, nachdem seine einstigen Arbeitskollegen Franquin, Morris und Eddy Paape dort bereits 1946 das Heft in die Hand genommen hatten. In dieser Zeit suchte Peyo noch seinen Stil, konnte aber auch schon 1946 in einer belgischen Zeitung erste, sporadische Gag-Strips um einen Pagen namens Johann veröffentlichen. Der sah allerdings noch aus wie eine unbeholfene Kopie von Tim, mit blonden Schillerlocken! Nachdem sich sein Strich soweit gefestigt hatte, daß von 1952 an Johanns Abenteuer in „Spirou“ erschienen, so betrachtete Peyo selbst rĂŒckblickend auch die beiden ersten Episoden dort noch als Abschluß seiner langen Anlaufphase, in der er ihn zudem Kollege Franquin gelegentlich mit Tips unterstĂŒtzte.
Der Durchbruch kam 1954, als Pfiffikus auftauchte - und einfach blieb, obwohl nicht unbedingt vorgesehen. Nun hatte Peyo seine Idealbesetzung gefunden, und seine im Grunde recht einfachen, geradlinigen Plots bekamen durch Pfiffikus‘ Auftreten, dessen ĂŒberschĂ€umendes, bisweilen kaum zu bĂ€ndigendes Temperament jene Energie und die notwendigen Aus- und Abschweifungen, durch die die Serie bis heute so lebendig erscheint. Dazu noch der Aufschwung der Graphik in den folgenden Jahren bis auf meisterliche Höhen - im Grunde ruht der nachmalige Erfolg der SchlĂŒmpfe auf den Schultern dieser Comic-Riesen. Ein waghalsiges, letztlich aber ein versöhnliches Bild. Mochten sie danach auch hinter ihre Zufallsbekanntschaft zurĂŒcktreten, es war ein RĂŒckzug in WĂŒrde. Die Abenteuer von Johann und Pfiffikus sind heute Klassiker, ihr Auftritt hat fraglos Comic-Geschichte geschrieben. (Martin Budde)

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Platz 24

Cages
von Dave McKean

 
Autor: Dave McKean
Zeichner: Dave McKean
Land: Großbritannien


Ende der achtziger Jahre war der Brite Dave McKean einer der angesagtesten Zeichner der Stunde. Sein Debut „Violent Cases” hatte ihn (und seinen kĂŒnftigen Leibszenaristen Neil Gaiman) direkt in die Ehrenloge der Comicszene katapultiert – sein gekonnter Fotorealismus und seine extrem hippen Collagetechniken ließen Kritiker und Leser reihenweise aus den Schuhen kippen.
Doch wĂ€hrend die Welt nach mehr schrie, war der Meister selbst bereits von seinem eigenen Oevre gelangweilt. FĂŒr McKean war das alles nichts als bloßes Handwerk, das ĂŒberdies den meisten Stories eher schadete als nĂŒtzte; natĂŒrlich war das Artwork von BĂ€nden wie „Der Tag der Narren“ augendurchbohrend, lenkte aber letztlich mehr von der Geschichte ab, als sie zu erzĂ€hlen. McKean beschloß, zunĂ€chst nur Cover zu machen und nebenbei an seinem ersten komplett selbstverfaßten Comic zu arbeiten – in einem neuen Stil, der seiner Geschichte dienlich sein sollte, statt sie zu ĂŒberstrahlen.
Mit „Cages“ hatte er sich reichlich viel vorgenommen. Schon der pathetische, mythische Prolog im ersten Heft deutete an, daß es hier um nichts weniger gehen sollte als um das Leben, das Universum und den Rest; die definitive Meditation ĂŒber „Schöpfung“ stand zu erwarten, und zwar in allen nur denkbaren Bedeutungen des Wortes. Eine auf zehn Teile angelegte Serie, die McKeans WeltverstĂ€ndnis von Kunst, Musik und Literatur auf den Punkt bringen sollte.
Ein heeres Unterfangen: acht Jahre und zwei Verlagswechsel sollte es dauern, bis die Reihe ihren Abschluß fand. Was allerdings da auf 500 Seiten auf den Leser zurollt, ist schlichtweg einer der schönsten, schillerndsten und faszinierensten Arbeiten, die sich je in die Annalen der Comicgeschichte eingegraben haben.
ErzĂ€hlt wird die Geschichte des Malers Leo Sabarsky, der auf der Suche nach Inspiration und einem neuen Lebensanfang in ein verwunschen anmutendes Londoner Viertel zieht. Ehe er sich versieht, steckt er bereits mitten in einem Universum voller erstaunlicher Persönlichkeiten, in der sich Situationen von typisch britischer SchrĂ€gheit abwechseln mit hinreißenden Dialogen ĂŒber Gott, Jazz, Sex und Katzen.
Die grazilen Federzeichnungen, die als einzige Nuance zwischen schwarz und weiß nur einen kĂŒhlen Blaugrau-Ton zulassen, werden wohldosiert von fiebrigen, Traumsequenz-artigen Interludes durchbrochen, in denen McKean ein Feuerwerk seiner Collagekunst auf den Leser loslĂ€ĂŸt. Aus jedem Panel in „Cages“ strahlt einem eine Schaffens- und Experimentierfreude entgegen, die nur von Leuten erreicht wird, die auf große Entdeckungsreise in ihren Parametern gehen. Genau fĂŒr so was hat man einst die Worte „Artwork“ und „grafisches ErzĂ€hlen“ erfunden. (Thomas Strauß)

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Platz 25

Calvin & Hobbes
von Bill Watterson

 
Autor: Bill Watterson
Zeichner: Bill Watterson
Land: USA


Ein Kind, das permanent seine Umgebung terrorisiert, weil es partout nur das tun möchte, was ihm gefĂ€llt? Das ist nicht komisch, außer im Comic. Calvin ist so ein Comic-Kind, wie es sie seit den AnfĂ€ngen des Mediums immer gegeben hat: Vom „Yellow Kid“ und seinen Kumpanen bis zum „kleinen Spirou“ durften sich diese Gören auf dem Papier danebenbenehmen, daß die Fetzen nur so flogen. Und es hat amĂŒsiert. Wohl weil diesen Comic-Kindern das abgeht - bzw. weil sie dagegen rebellieren -, was ihr erwachseneres Publikum zu genĂŒge genossen hat: Erziehung. Der Kontrast zwischen Ungezogenheit und comme il faut ist fundamental - bei Freud etwa heißt er Natur und Kultur - und immer fĂŒr einen Lacher gut, denn jeder reibt sich auf irgendeine Weise daran. Calvin ist deshalb kein echter, sechsjĂ€hriger ErstklĂ€ĂŸler. Er und all die anderen Comic-Kids seiner Art sind junge Wilde, dazu da, diesen ominösen Gegensatz stellvertretend fĂŒr ihre bravere Leserschaft offen auszutragen und ihn so zu entschĂ€rfen.
Die Calvin-Methode hat allerdings Charme: Seine unerschöpfliche Phantasie und sein impulshafter Charakter ermöglichen es ihm, sich fast jeder pĂ€dagogischen Zumutung spielerisch zu entziehen. Und sie verschaffen ihm den dringend erforderlichen RĂŒckhalt in der tagtĂ€glichen Auseinandersetzung mit einer ganzen Zivilisation: seinen PlĂŒschtiger Hobbes. Mag er auch fĂŒr alle anderen ein Stofftier sein und bleiben, fĂŒr Calvin ist er wirklicher als die Wirklichkeit - mit ihm kann er alle Interessen wie auch Gedanken und Ansichten teilen. Hobbes macht alles mit, wird ihm nie widersprechen (auch wenn er bisweilen seine eigenen Auffasungen hat, besonders Tiger betreffend) und weiß darĂŒber hinaus gelegentlich mit freundschaftlichem Rat Calvin aus so mancher Klemme zu helfen. Man könnte sogar sagen, Hobbes ist hĂ€ufig die etwas klĂŒgere HĂ€lfte des fĂŒr gewöhnlich unzertrennlichen Gespanns.
Daneben beschreitet Calvin aber auch öfter Solopfade und schlĂŒpft in Alter Egos, die er meist gĂ€ngigen Trivialmythen entlehnt - ob als Spaceman Spiff, Privatdetektiv Trigger Bullet, als Superheld „Stupendous Man“ alias „der Unfaßbare“, oder wenn er einfach als Tyrannosaurus Rex durch die Gegend stapft, stets geht er ganz und gar in seiner Vorstellungswelt auf. Zumindest solange, bis ihn die Wirklichkeit einholt und ihn aufgebrachte Eltern, verĂ€rgerte Lehrer oder eine wĂŒtende Babysitterin zur Rede stellen.
Allerdings zeigt sich nicht erst im Repertoire seiner Phantasiewelten, daß Calvin im Zweifel ĂŒber mĂ€chtige Komplizen verfĂŒgt, die helfen, das Konzept einer Erziehung bestĂ€ndig zu unterlaufen: die modernen Massenmedien, allen voran natĂŒrlich das Fernsehen (Comics im ĂŒbrigen auch). Calvin ist ein begeisterter und vor allem bekennender Vielseher, denn mit den bequemen und billigen Ersatzwirklichkeiten kommt gleichzeitig auch die Medienkritik frei Haus. Calvin weiß also, was er da tut, wenn er apathisch vor dem Fernseher versinkt - und genießt es trotzdem. In dieser Hinsicht ist er ein „aufgeklĂ€rter Wilder“. Und ein getreues Spiegelbild der durch und durch vernunftorientierten Informationsgesellschaft, die einerseits auf den RationalitĂ€tsdruck mit wachsender Faszination am Irrationalen reagiert und ansonsten unbequeme Konsequenzen konsequent ignoriert. Was andernorts zumal in Zeiten schwindender Verbindlichkeiten bedenklich sein mag - in „Calvin & Hobbes“ wird es allemal dadurch gebannt, daß MĂ€chte existieren, die Calvins Unvernunft zĂŒgeln: die Gesamtheit der offiziellen Erziehungsbeauftragten eben.
„Calvin & Hobbes“ ist aber noch mehr als ein witziger, einfallsreicher Kommentar zum „Unbehagen an der Kultur“ (wiederum Freud). In der Kindperspektive erschließt sich zwischen all den Allmachtsphantasien Calvins, seinen Ängsten, ĂŒberzogenen AnsprĂŒchen und alltĂ€glichen Niederlagen noch einmal der Spaß am Abenteuer Heranwachsen, das spielerische FreirĂ€ume ausschöpft und kreative Fragen und Antworten umfaßt. Es scheint, als habe ein Teil davon auch auf Bill Watterson selbst, Calvins Urheber, abgefĂ€rbt, der in seinem Strip immer wieder nach originellen, ungewöhnlichen Ansichten gesucht und zĂ€h darum gekĂ€mpft hat, sie verwirklichen zu können. Von Anfang an - Ende 1985 - wußte er, daß die Funktionsweise des Comics ihm die optimale Möglichkeit bot, die Perspektivwechsel zwischen Calvin und seiner Umgebung zu visualisieren; und diese Methode des Hin- und Herschaltens hat er ĂŒber Jahre weiter verfeinert - mit zum Teil ĂŒberraschenden graphischen Ergebnissen.
Trotzdem scheint es unausweichlich, daß jedem Spiel irgendwann die Erstarrung zur Routine droht. Auch wenn es lĂ€nger dauert und zahlreiche Varianten es zusĂ€tzlich hinauszögern: Eines Tages hat man die Regeln kapiert. Man könnte zwar noch eine ganze Weile weitermachen wie gehabt, aber es wĂ€re nicht mehr dasselbe. Watterson hat schließlich gespĂŒrt, daß ihm genau diese Sackgasse einmal bevorstĂŒnde. So hat er von sich aus den Schlußstrich gezogen und - ungewöhnlich genug - seinen ĂŒberaus erfolgreichen Comic strip Anfang 1996 eingestellt. Nicht umsonst lautet ja die einzige Regel bei Calvinball, daß man es nie zweimal nach den gleichen Regeln spielen darf. Tut man es trotzdem, beginnt das Lernen. Und wie sagte Hobbes einmal dazu? „Leben und nicht lernen, das sind wir!“ Gut gebrĂŒllt, Tiger. Dabei mag es denn bleiben. (Martin Budde)

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Platz 26

Alles
von Alex Toth

 
Autor: Alex Toth
Zeichner: Alex Toth
Land: USA


Angeblich soll Alex Toth (ĂŒbrigens hat mir bis heute keiner sagen können, wie man das vernĂŒnftig ausspricht. Folgende unbefriedigende Angebote gibt es: "Tott", "Tohss" und "Tuhss" (fehl eigentlich nur noch "Tut", "Tröt" und "Tööhröööh"). Wer kann weiterhelfen? Auf Zuruf!) ja eine total reaktionĂ€re Arschgeige sein. Von mir aus. Als bester Comiczeichner der Welt soll er sein Recht auf Meinungsfreiheit ruhig voll auskosten... Momentchen mal, hör ich die Leude jetzt intervenieren, bester Comiczeichner der Welt? Ditt soll wohl ’n Witz sein? Nee, denn in diesem Fall ist ausschließlich das gemeint, was man unter dem hochgradig problematischen Begriff Zeichenkunst versteht. Der irgendwann in den Zwanzigern geborene BarttrĂ€ger schafft es nĂ€mlich wie kein/e zweite/r, das VerhĂ€ltnis zwischen den alles bestimmenden Parametern Zeigen, Andeuten und Weglassen so, ich möchte fast sagen: essentiell, auszuloten. Jedes seiner Panels stellt erneut die Frage nach der Substanz, der dort dargestellten Situation und spĂŒlt gnadenlos all die ĂŒberflĂŒssigen Informationen ab durchs Klo nach Mittelerde, wo sie hingehören. Der Clou dabei ist - und jetzt aufgemerkt! -, dass sich seine Arbeiten (hier ein paar Geschichtchen fĂŒr DC und Warren, da einige Zorro-Hefte fĂŒr Dell, hier drei kleine Gastauftritte bei EC etc) durch eine inhaltliche und thematische Belanglosigkeit auszeichnen, die sich gewaschen hat. Toth geht es allein um Form, Form und nochmals Form, was ihn nicht nur zum besten, sondern auch zum abstraktesten aller Comiczeichner macht. Holt euch seine ausgerechnet bei Image erschienene Zorro-Gesamtausgabe, lest diesen superheißen Gourmetscheiß, fallt in Ohnmacht und verratet mir endlich, wie dieser Vogel ausgesprochen wird. (Marc SagemĂŒller)

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Platz 27

Modesty Blaise
von Peter O’Donnell, Jom Holdaway u.a.

 
Autor: Peter O’Donnell
Zeichner: Jom Holdaway
Land: Großbritannien


Modesty Blaise war der erste Multimediagriff der Unterhaltungskultur (als Comic, Buch und Film mit der bedrĂŒckenden Monica Vitti und schließlich sogar im Fernsehen). Der erste Modesty-Strip erschien 1963 im Londoner Evening Standard. Als Zeichner hatte sich der Autor Peter O’Donnell den Zeitungsveteranen Jim Holdaway ausgeguckt. Eine gute Wahl, denn Holdaway blieb dem Strip bis zu seinem frĂŒhen Tod im Jahr 1970 treu. Erst 1965 debĂŒtierte Modesty Blaise als Romanfigur, doch trat hier ein merkwĂŒrdiger Effekt ein: Die vollkommen durchgeknallten Plots von O’Donnells Romanen, die sich oft nicht um Wahrscheinlichkeit und innere Logik scherten, lasen sich weit comichafter als der Comic-Strip selbst, da sie nur Abfallprodukt der Comics um die tödliche Lady waren.

Modesty war ein typisches Produkt der swinging sixties und ist so britisch wie die Beatles. Sie ist eine ehemalige Diebin, die eine mafiaĂ€hnliche Bande hochgezogen hat, stinkreich geworden ist und sich inzwischen ehrlich gemacht hat. Von Zeit zu Zeit nimmt der britische Geheimdienst ihre Dienste und die ihrer Organisation in Anspruch, meist jedoch lebt sie in den Tag hinein und verbringt ihre Tage auf der Jagd nach AntiquitĂ€ten und Sex (ja, sie hat schon in den Sechzigern selbstbestimmten Sex, damals eine Revolution). Ihr zur Seite steht ihr treuer Freund Willie Garvin, ein Nahkampfexperte, der sich ironischerweise vor Feuerwaffen fĂŒrchtet. Die Plots, die sich O’Donnell fĂŒr die Romane und die Zeitungstrips ausdenkt, bewegen sich oft an der DebilitĂ€tsgrenze, sind jedoch immer unterhaltsam und spannend, Pulpliteratur im besten Sinne des Wortes.
Im Gegensatz zu vielen anderen tĂ€glich erscheinenden Zeitungsstrips verzichteten O’Donnell und Holdaway auf die ĂŒblichen Rekapitulationen des bisher Geschehenen. Dadurch entsteht ein flĂŒssiger Handlungsablauf. Der Grund dafĂŒr: Die Abenteuer der tödlichen Lady wurden von vornherein seitenweise konzipiert und nicht, wie sonst ĂŒblich, von Tag zu Tag. Dadurch entsteht ein gleichbleibender Lesefluss. O’Donnell schrieb immer erst ein Drehbuch, bevor er sich mit den Zeichnern besprach. Jim Holdaway war ein Meister seines Faches, der sich ganz genau ĂŒberlegte, welche Perspektive fĂŒr die jeweilige Szene notwendig war. Er arbeitete sehr filmisch mit Schnitt/Gegenschnitt, durch große schwarze und weiße FlĂ€chen schuf er Kontraste und durch gezielte Schraffierungen erreichte er Grautöne, die den Strips erst ihre AtmosphĂ€re gaben (wer sagt eigentlich, das Comics immer bunt sein mĂŒssen?). Holdaway verstand es auch, den Comics einen sehr verhaltenen britischen Sex zu geben. Eine nackte Schulter oder ein entblĂ¶ĂŸtes Bein von Holdaway hatte mehr Sex als die Monstertitten-Modesty seines Nachfolgers Enrique Badia-Romero.
Dieser konnte erwartungsgemĂ€ĂŸ den hohen Standard der Serie nicht halten. Dazu kamen Schwierigkeiten im VerstĂ€ndnis, denn Romero sprach nur sehr schlecht Englisch. 1978 gab Romero die Serie dann zunĂ€chst an John Burns ab, der jedoch bereits nach 12 Monaten das Handtuch warf. Es folgte ein zehnmonatiges Gastspiel von Patrick Wright, bevor Modesty fĂŒr die nĂ€chsten sieben Jahre Ă€ußerst kompetent von Neville Colvin gezeichnet wurde. Inzwischen war auch Romero wieder auf den Geschmack gekommen (und hatte vermutlich auch besser Englisch gelernt): Seit 1986 ist er wieder O’Donnells Kollaborateur. ErwĂ€hnenswert auch, das Miramax Mitte der neunziger Jahre an einem neuen Filmscript arbeitete und DC in dieser Zeit eine von Dick Giordino wunderbar altmodisch gezeichnete Version des ersten Romans veröffentlichte.

Leider sind inzwischen alle O’Donnell-Veröffentlichungen auf deutsch vergriffen. Das gilt fĂŒr die elf BĂŒcher, die zwischen 1965 und 1985 entstanden sind und bei Rowohlt veröffentlicht wurden, genauso wie fĂŒr die neun ComicbĂ€nde, die das gesamte Schaffen von Holdaway sammelten und bei Carlsen erschienen sind. Heute ist O’Donnell 80 Jahre alt und schreibt nur noch den tĂ€glichen Strip. Allerdings hat er Modestys Abschied wunderbar vorbereitet: In dem 1996 erschienenen Roman "Cobra Trip" sind Modesty und ihr Freund Willie alt geworden und werden ein letztes Mal vom Geheimdienst reaktiviert. (Lutz Göllner)

Lesetipps:

 

 


Platz 28

Wash Tubbs & Captain Easy
von Roy Crane

 
Autor: Roy Crane
Zeichner: Roy Crane
Land: USA


Da haben wir es wieder: Alan Moore ist eben nicht nur Genie und Superkiffer sondern auch noch Fuchs und Kenner. Als er 1996 den Image-Superman Supreme in "The Land Of A Thousand Supremes" (Supreme Vol. 2 #41) auf etliche Parallel-Supremes treffen lĂ€sst, wird ihm von seiner MajestĂ€t Supreme dem FĂŒnften auch Original-Supreme vorgestellt. Der erzĂ€hlt ihm dann, dass er Anfang der zwanziger Jahre als Sohn des Ehepaares Crane zur Welt kam und eigentlich nur ein kleiner Knirps mit Brille und Haartolle war, bis er in einer Höhle die silberne GĂŒrtelschnalle fand, mit deren Hilfe er sich von da an in einen Superhelden verwandeln konnte. Wer weiss wie Roy Cranes Zeitungsstripfigur Washington Tubbs aussieht, dĂŒrfte die Botschaft gecheckt haben: Neben Beck, Kirby, Simon, Siegel, Shuster und Kane, welche die allseits bekannten Superhelden Captain Marvel, Batman und Superman erfunden haben, war auch noch ein gewisser Roy Crane mit seiner Serie "Wash Tubbs & Captain Easy" (1924-43) bei der Fundamentlegung fĂŒr dieses krumme aber im Prinzip irgendwie doch echt legendĂ€re Genre mit von der Partie. Was man neben dieser zugegeben reichlich historischen Info vielleicht auch noch erwĂ€hnen sollte ist, dass Cranes Duo-Tone-Technik, die er ab den frĂŒhen dreißiger Jahren bei den schwarzweißen Tagesstrips einzusetzen beginnt, seinesgleichen sucht und nicht findet, dass seine Sonntagsseiten, die ab 1933 unter dem Namen "Captain Easy, Soldier Of Fortune" laufen, in ihrer komplexen Einfachheit Ă€hnlich eyepopping daherkommen und dass das Ganze auch heute noch avec höchster PlĂ€sier gelesen werden kann. Mit anderen Worten, ein Meisterwerk von Buddahs Gnaden. (Marc SagemĂŒller)

 

 


Platz 29

Theodor Pussel
von Frank Le Gall

 
Autor: Frank Le Gall
Zeichner: Frank Le Gall
Land: Belgien


Man denke sich eine Mischung aus Tim und Struppi und Corto Maltese, gewĂŒrzt mit etwas Baudelaire und Joseph Conrad. Pussel ist beinahe so rundköpfig wie der Reporter Tim, und wie der lĂ€sst er sich auf jedes Abenteuer ein. Es folgt ihm aber nicht ein kleiner weißer Hund, sondern der zwielichtige, schwarz gewandete Herr November, der sich eines Abends Baudelaire zitierend als Theos Schicksal vorstellt: „O bitter Wissen, eingeheimst auf Reisen...“ Herrn Novembers dĂŒstere Prophezeiungen gehen in ErfĂŒllung. Theodor macht sich auf den Weg nach China, und auf der Suche nach einem verschollenen Onkel, dem KapitĂ€n Stien (nicht Haddock!), gerĂ€t er in die Irrungen und Wirrungen der Weltgeschichte. Auf seltsamen Wegen kommt er sogar zu einem Schiff und wird selbst KapitĂ€n. Zeitlich gesehen ist Pussel nur wenig spĂ€ter unterwegs als Corto Maltese; Theos Terrain ist jedoch nicht Europa oder SĂŒdamerika, sondern das koloniale Vielvölkergewimmel Ostasiens in den zwanziger und dreißiger Jahren. Wie Corto wird Theo geradezu magisch angezogen von SchĂ€tzen und Geheimnissen, denen er von einem Land ins andere nachjagt, um auf Piraten, Radschas, OpiumsĂŒchtige, Assassinen und schöne Frauen zu treffen - und am Ende (wie Corto) meist mit leeren HĂ€nden dazustehen. Und Herr November, der so gern Schicksal spielt, verfolgt ganz undurchsichtige PlĂ€ne. Sechs BĂ€nde fĂŒllt diese erste Reise Theodors, die die bisher erschienenen anderen vier enthalten Kindheitserinnerungen, Theos Abenteuer in Malaysia sowie eine Traumepisode, die zeitlich zu den ersten sechs BĂ€nden gehört. Die erste Idee fĂŒr seinen Helden fand Le Gall im Tagebuch eines Seemanns namens Theodore C. Le Coq, dem er die ersten Seiten fĂŒr seinen Comic entnahm, die weiteren Abenteuer Pussels sind jedoch erfunden. Le Gall erzĂ€hlt farbig und temporeich, streckenweise verwendet er eine ErzĂ€hltechnik wie Joseph Conrad in „Lord Jim“: Immer wieder setzt er bei Nebenfiguren an und arbeitet sich langsam zum Kern der Geschichte vor. OberflĂ€chlich betrachtet handelt es sich um ein gut lesbares See- und Abenteuergarn, doch auf den zweiten Blick enthĂŒllt Theos Geschichte das Doppelgesicht der menschlichen Natur. „Theodor Pussel“ wurde 1992 mit dem Max-und-Moritz-Preis der Stadt Erlangen ausgezeichnet. (Gerlinde Althoff)

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Platz 30

Monsieur Jean
von Dupuy & Berbérian

 
Autor: Philippe Dupuy
Zeichner: Charles Berbérian
Land: Frankreich


MĂ€nner, die 30 werden und bis dahin noch keiner Frau erfolgreich den Hof gemacht haben, mĂŒssen in manchen Gegenden dafĂŒr den Rathausplatz o.Ă€. fegen (solange ĂŒbrigens, bis eine „Jungfrau“ sie freikĂŒĂŸt). Monsieur Jean, den anscheinend alle Welt nur beim Vornamen nennt, hat dieses Problem in der Großstadt Paris nicht zu gewĂ€rtigen. Trotzdem - oder gerade deshalb - schlĂ€gt ihm sein 30. Geburtstag schwer aufs GemĂŒt. Er ist jemand, der nur sehr zögerlich Ă€lter, erwachsen werden will und viel Zeit mit Erinnerungen und Reflexionen verbringt, vor allem, wenn es um verflossene Liebschaften geht (und davon gibt es im Leben Monsieur Jeans immerhin einige...). Die zauberhafte Leichtigkeit und die bittersĂŒĂŸe Schwere einer jeden Beziehung, vom GlĂŒcksversprechen zu Anfang bis zu den traurigen Momenten der Trennung, faszinieren ihn gleichermaßen - von den alltĂ€glichen MĂŒhen dazwischen hĂ€lt er allerdings vermutlich nicht viel. Er ist eben ein Romantiker, ein Schwerenöter und Herzensbrecher in einem.
Selten genug hat es Comics gegeben, in denen alles - von der Haltung der Hauptfiguren ĂŒber die Struktur der ErzĂ€hlung bis hin zu ihrer Ă€ußeren Form - so sehr einem gemeinsamen Grundton verpflichtet ist wie in „Monsieur Jean“: So spielerisch wie das Verhalten des Helden mit seinem nur zögernden sich Ein- wie Loslassen kommen auch die einzelnen Geschichten daher, die sich anekdotisch, scheinbar absichtslos als lockerer Reigen aus (Tag-) TrĂ€umen, Alltagsmomenten und Reminiszenzen trotzdem im Laufe der Jahre zu einer Vita summieren. Verharrt Monsieur Jean dabei zumeist passiv und quasi zeitlos, so sorgen Ă€ußere UmstĂ€nde fĂŒr die korrekte Chronologie - sein Freundeskreis erlebt berufliche wie private Erfolge und Mißerfolge, er selbst bekommt AuftrĂ€ge und Auftritte (und drĂŒckt sich gerne drumrum). Kurz: man kann Monsieur Jean doch beim Älterwerden zuschauen. Das geht zwar verlangsamt vonstatten, tut aber gar nicht so weh, wie er immer befĂŒrchtet. Im Gegenteil: selbst seine Krise zum 30. Geburtstag löst sich in Wohlgefallen auf, zuletzt ist es - wie so oft - höchst amĂŒsant (mag auch mancher Scherz schon auf Kosten Jeans gehen...).
Und immer mit Stil, denn seine Urheber Charles BerbĂ©rian (*1959) und Philippe Dupuy (*1960) - sie schreiben und zeichnen die Abenteuer ihres Monsieur Jean gemeinsam (!) - folgen der Nouvelle Ligne Claire, wie ihr Pariser Freundeskreis sie in den 80er Jahren entwickelte. WĂ€hrend die meisten von ihnen, darunter Serge Clerc und Ted BenoĂźt, sich allerdings seither aus dem Comic-GeschĂ€ft weitgehend zurĂŒckgezogen haben und Yves Chaland als ihr populĂ€rster Vertreter schon 1990 verstarb, hat sich Monsieur Jean erst in den 90ern richtig entfaltet. Nicht zuletzt, weil die „Neue klare Linie“ hier perfekt zu ihrem Sujet paßt, so retro und urban, wie sie ist, und gleichzeitig aufgeschlossen, gar utopisch genug, um nicht in Nostalgie zu versinken.
Außerdem lassen sich Dupuy und BerbĂ©rian genug Zeit, um in ihrer sicher aufwendigeren Form der Kooperation Inhalt und Form perfekt in Einklang zu bringen. Sie sind nicht darauf angewiesen, zĂŒgig zu arbeiten, denn außer mit ihren Comics sind sie auch als Illustratoren erfolgreich. Insofern Ă€hneln sie selbst Monsieur Jean, der sich von selbst nie so recht festlegt, was dann gegebenenfalls andere fĂŒr ihn tun. Lieber hĂ€ngt er weiter seiner Vergangenheit nach, trĂ€umt in die Zukunft und hofft vor allem auf die Jungfrau, die ihn dermaleinst freikĂŒĂŸt – wohl ahnend, daß er sie lĂ€ngst schon getroffen haben mag... (Martin Budde)

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Platz 31

Domu - Das Selbstmordparadies
von Katsuhiro Otomo

 
Autor: Katsuhiro Otomo
Zeichner: Katsuhiro Otomo
Land: Japan


Moment mal, werden sich jetzt einige fragen, warum kommt denn gerade „Domu” in diese Liste und nicht „Akira”? Ganz einfach: weil „Domu” um LĂ€ngen besser ist.

Die meisten KĂŒnstler sollte man am besten genießen, wenn sie gerade „ihr Ding” gefunden haben, wenn die frische Energie nach außen dringt und voller ErzĂ€hlfeuer ist - bevor der ErzĂ€hler selbst merkt, was er da eigentlich tut. „Akira” war ein Overkill, zugegeben. „Domu”, biographisch gesehen das GesellenstĂŒck auf dem Weg zu jenem weltweit gefeierten Mindblaster, ist eine Geschichte, in der die spĂ€ter mit stilistischem Überdruck auf den Leser einprasselnden Effekte noch vorsichtig dosiert und experimentierfreudig daherkommen, akzentuiert eingesetzt werden und deshalb genau das gewaltige Staunen hinterlassen, das ihnen zusteht, und nicht in einer Kaskade von lĂ€hmend schnellen Schnitten auf der Strecke bleiben.
„Domu” begann als Serie 1980 in einem Mangazine und wurde innerhalb kĂŒrzester Zeit zum Liebling der japanischen Studentenszene. Als die Serie nach 2 Jahren zu ihrem Ende kam, hatte sie bereits einen solchen Kultstatus, daß ihr 1983 der japanische Science Fiction Grand Prix Award verliehen wurde, ein dem „Hugo” Ă€hnlicher Preis, der bisher nur Romanen zugedacht war.
Die Idee der Handlung ist so simpel wie kernig: In einer typischen tokioter Vorstadt-Beton-Burg beginnt eine Kette von rĂ€tselhaften, scheinbaren Selbstmorden. Die Polizei lĂ€uft mit ihren Ermittlungen komplett im Kreis; zu mysteriös die UmstĂ€nde, um auch nur den Hauch einer Spur zu finden. Nur das kleine MĂ€dchen Etsuko, das gerade mit seiner Familie in die Nachbarschaft gezogen ist und das ĂŒber gewaltige psychokinetische Gaben verfĂŒgt (ein von Steven Kings „Feuerkind” geliehenes Motiv, daß Otomo spĂ€ter auch bei „Akira” als tragendes Element einsetzte), kommt dem Geheimnis auf die Schliche: der senile Greis Uchida steckt hinter den TodesfĂ€llen, auch er besitzt jenes Ausnahmetalent, mit bloßen Gedanken Materie zum zerbersten bringen zu können, und in debiler Verspieltheit bringt der die Einwohner des Hochhauses um, weil er Spaß daran findet, kleine TrophĂ€en von ihnen zu sammeln. So beginnt zwischen den beiden insgeheim, ohne daß der Rest der Welt wirklich versteht was passiert, ein in Etappen stattfindender telekinetischer Kampf auf Leben und Tod, der in einem verblĂŒffenden Showdown endet.
Es ist bei weitem nicht nur der mit Detailtreue erschlagende und doch schwungvolle Strich von Otomo, dieser Mangastil mit unverkennbar westlicher FĂ€rbung, der „Domu” zu einem echten Erlebnis macht; hier spielt der Meister zwar nicht zum ersten Mal, aber doch so beeindruckend wie nie zuvor mit cineastischer ErzĂ€hltechnik, mit Schwenks, krassen Schnitten, blutdruckpeitschenden Kombinationen von aufregenden Kamerapositionen. Auch wenn dieser Comic von 1980 ist, hat er bereits die filmtechnische Reife eines verdammt guten 90er Musikvideos. Alles, was spĂ€ter „Akira” so erfolgreich machte, ist schon da, aber hier nicht in einer Cyberwelt von morgen stattfindend, sondern direkt um die Ecke, im stinknormalen Alltag, und deshalb geht einem erst recht der Hut hoch. GerĂŒchte kursieren, daß Disney zur Zeit an einer Realverfilmung sitzt. Es kann einfach nicht so gut werden wie das Original. (Thomas Strauß)

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Platz 32

Herrn Hases haarstrÀubende Abenteuer
von Lewis Trondheim

 
Autor: Lewis Trondheim
Zeichner: Lewis Trondheim
Land: Frankreich


Wenn man SchuhgrĂ¶ĂŸe 88 trĂ€gt, tappt man offenbar leichter in irgendwelche FettnĂ€pfchen. Die haben es in sich: da kriegt der großfĂŒĂŸige Held es schon mal mit dem uralten Fluch der TschnĂżptz-Dynastie zu tun, oder er wird plötzlich zum Direktor einer ĂŒberaus zwielichtigen Firma ernannt, oder die Bewohner einer abgelegenen Siedlung wollen ihn völlig grundlos kalt machen. Letztlich bleibt Herr Hase aber keine Antwort schuldig, denn obwohl er Ă€ußerst friedliebend, mitfĂŒhlend, gerecht, ehrlich und mutig ist, aufs Maul gefallen ist er deshalb noch lange nicht. Seine Gegenwehr gegen die Schwierigkeiten der Welt besteht denn auch meist in Reden: die sind oft banal und alltĂ€glich, aber immer fein gewĂŒrzt mit französischem Esprit und manchmal mit abgrĂŒndigen AbsurditĂ€ten. Diese Reden im VerhĂ€ltnis zu den schrĂ€gen Ereignissen machen den Witz und den Charme der Hase-BĂ€nde aus.
Allerdings wird man den Verdacht nicht los, dass Hase letztlich ein Schauspieler ist, der seine Abenteuer mit treuen Freunden, dem Kater Richard, dem Hund Titi, der Ratte Pol, der MĂ€usin Nadia, nachspielt. Denn in jeder Geschichte wechseln sie in ein anderes Genre: so ist „Blacktown“ ein Western, „Slaloms“ eine Skinovelle, der Krimi „Walter“ spielt Ende des 19. Jahrhunderts, „Verflucht“ im modernen Paris.
Und wie so mancher gute Regisseur sich selbst eine kleine Nebenrolle in sein Skript geschrieben hat, taucht auch Lewis Trondheim gern am Rande in seinen Hase-Geschichten auf. Will man dem in jedem Carlsen-Band abgedruckten PortrĂ€t Glauben schenken, sieht er einem schlecht gelaunten Vogel Ă€hnlich, und als solcher steht er schon mal auf der Vernissage eines Freundes von Herrn Hase herum. Lewis Trondheim, mit bĂŒrgerlichem Namen Laurent Chabosy, begann seinen Herrn Hase als 500-seitiges Monsterwerk (Lapinot et les carottes de Patagonie, bislang nur auf französisch bei LÂŽAssociation), das er nur zur Übung anfertigte, um Zeichnen und ErzĂ€hlen zu lernen. Das konnte er damals schon verdammt gut und inzwischen noch viel besser, auch wenn er sich heute meist auf gewöhnliche 48-Seiten-Geschichten beschrĂ€nkt. In manchen ZĂŒgen erinnern seine Zeichnungen vielleicht an Vorbilder wie HergĂ© und Franquin, bleiben aber immer unverwechselbar Trondheim, gerade in den witzigen Details wie den ungleich großen Augen – das eine ein Punkt, das andere kugelrund -, wenn mal wieder etwas grandios schiefgegangen ist.
Eins ist jedenfalls ĂŒberhaupt nicht schiefgegangen. Herr Hase hat so etwas wie Kultstatus erlangt, und man darf ihn wohl getrost zu den modernen Klassikern im Funnies-Bereich rechnen. (Gerlinde Althoff)

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Platz 33

Sgt. Rock
von Bob Kanigher & Joe Kubert

 
Autor: Bob Kanigher
Zeichner: Joe Kubert
Land: USA


Schaut man sich die vorherrschende Schussrichtung in der allgemeinen Rezeption von Filmen, Romanen, Bildern, Comics etc an, in denen Krieg eine zentrale Rolle spielt, liegt der Schluss nahe, dass hier einem unhintergehbaren Dogmatismus die Fahne gehalten wird. Denn immer dann, wenn in Kunstwerken die Maschinengewehre ballern, die VerrĂ€ter baumeln und diverse StrĂ€nde, HĂŒgel und StĂ€dte genommen werden, meinen plötzlich alle ĂŒber Sinn und Unsinn von Kriegs- bzw. Antikriegskunst mitreden zu können. Menschen, die sich Minuten vorher noch die grĂ¶ĂŸte Scheiße unkommentiert reingezogen haben, debattieren mir nichts, dir nichts darĂŒber, ob Milton Caniff, Fancisco Goya, Louis-Ferdinand Celine, Harvey Kurtzman, Akira Kurosawa, Ernst JĂŒnger und Joe Kubert nun in Wirklichkeit verkappte Faschisten und talentierte Nixblicker sind oder ob sie "die Schrecken des Krieges angemessen herausstellen". Hauptsache der Autor meint, Krieg ist blöd, dann ist alles prima und wir können wieder zu Bett gehen. Wissenschaftliche Versuche mit herkömmlichen Hermeneutik-Techniken haben jedoch ergeben, dass man Bob Kanighers (Text) und Joe Kuberts (Zeichnungen) steinhartem GI und seiner Truppe Easy Co. so nicht beikommen kann. Trotz MĂ€nnlichkeitswahn, Heldenkacke, Unrealismus, Klischee-Flut und Ă€hnlichem Kram, der einer Ideologiekritik nicht mal fĂŒr ein halbes Panel lang standhalten wĂŒrde, handelt es sich bei Kanighers liedartig strukturierten Sgt.-Rock-Geschichten (Strophe, Refrain, Strophe, Bridge, Refrain, Solo usw.), die von Kubert - den ich, zumindest was die sechziger Jahre angeht, fĂŒr einen der ganz Großen des Mediums halte - ohne Reibungsverlust umgesetzt werden, um Werke, vor denen jeder Comicfan, der was auf sich hĂ€lt, in Andacht niederzuknien hat. For those about to rock, we salut you!

Interessierten empfehle ich, sich die hervorragende Anthologie-Reihe "Sgt. Rock Special" (zwischen 1988-91 erschienen) zu besorgen, die neben allerhand Kubert/Kanigher (u.a. "Enemy Ace") auch noch einige schönen Arbeiten vom ewig unterschĂ€tzten Russ Heath enthĂ€lt. (Marc SagemĂŒller)

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Platz 34

Short-Stories
von David Mazzucchelli

 
Autor: David Mazzucchelli
Zeichner: David Mazzucchelli
Land: USA


Angefangen hatte David Mazzucchelli 1984 als Superheldenzeichner bei Marvel: zunĂ€chst arbeitete er an „Daredevil“, spĂ€ter an „Batman“ („Das erste Jahr“). Dann verschwand er eine Weile in der Versenkung – um nachzudenken, wie gemunkelt wurde, und das, was dann folgte, bestĂ€tigte dieses GerĂŒcht.

Im Verlauf der Arbeiten im Superhelden-Genre hatte er allmĂ€hlich einen eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt, und diesen findet man erstmals unverfĂ€lscht in den Kurzgeschichten, die er ab 1991 in seinem Magazin „Rubber Blanket“ veröffentlichte. Drei dieser ErzĂ€hlungen hat die Edition Moderne auf deutsch in dem Band „Discovering America“ vorgelegt. Alle sind zweifarbig ausgefĂŒhrt – z.B. schwarz-gelb oder rot-blau -, und entwickeln ihre fast magische Wirkung durch die expressive Grafik. Zu Recht verlĂ€sst sich Mazzucchelli ganz auf die Bilder. Geradlinig und beinahe wortkarg erzĂ€hlen sie von Menschen, in deren Alltag das Fremde, Unerwartete einbricht; in „Big Man“ ist es z.B. ein ganz unheldischer Riese mit SuperkrĂ€ften. In dieser Geschichte setzt sich Mazzucchellis auf ganz andere Weise mit dem Superhelden-Genre auseinander, immer wieder auch mit der Kommunikation ganz ungleicher Charaktere, und er erschafft dabei Parabeln auf grundlegende menschliche Befindlichkeiten. Leider versammelt „Discovering America“ nur drei Geschichten, und die zeigen einen nachdenklichen und tiefsinnigen Autoren – der aber auch andere Seiten hat. So beweist die herrliche Geschichte „The Death of Monsieur Absurde“ (schwarz und hellgrĂŒn), dass Mazzucchelli auch Humor mit Hintersinn zu verbinden weiß.

Eine weitere Seite dieses außergewöhnlichen Zeichners findet man in „Stadt aus Glas“. Mazzucchelli adaptierte die gleichnamige ErzĂ€hlung des Schriftstellers Paul Auster, in der es um die UnzuverlĂ€ssigkeit der Sprache geht und viel von berĂŒhmten literarischen Vorlagen (z.B. Miltons „Paradise Lost“) die Rede ist. Statt literarischer Zitate setzt Mazzucchelli nun visuelle Zitate ein: StadtplĂ€ne, Hinweisschilder, filmische Kamerafahrten, DĂŒrers Narrenschiff-Illustrationen und noch so einiges mehr werden virtuos durch reines Schwarz-weiß verknĂŒpft. Da verwandeln sich FingerabdrĂŒcke in Labyrinthe und KackehĂ€ufchen reden, und unter der vertrauten OberflĂ€che der Dinge verbergen sich mythische Welten. Und die Rechnung geht auf: wie die ErzĂ€hlung macht der Comic auf die BrĂŒchigkeit der Sprache aufmerksam – nur eben mit anderen Mitteln, und an vielen Stellen macht er darĂŒber hinaus sichtbar, wie es dazu kommt. David Mazzucchelli ist jedenfalls einer, von dem man noch einiges erwarten darf. (Gerlinde Althoff)

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Platz 35

Pogo
von Walt Kelly

 
Autor: Walt Kelly
Zeichner: Walt Kelly
Land: USA


„Wenn Walt Kelly gut war, dann war er stets der Beste, den es gibt“, befand das Comics Journal ĂŒber den Schöpfer von Pogo und eigentlich wĂ€re dem nichts hinzuzufĂŒgen, wenn Pogo in Deutschland nicht so gut wie unbekannt wĂ€re. Lediglich eine Handvoll Strips fanden ihren Weg in Carlsens Comics - Weltbekannte Zeichenserien-Anthologie und ein Sammelband erschien 1974. Kein Wunder, gelten doch Kellys semantische und phonetische Spielereien als nahezu unĂŒbersetzbar. Ab 1949 erschienen Kellys Geschichten ĂŒber den Okefenokee-Sumpf und als Pogo 1974 eingestellt wurde, war das Genre Comic Strip ein anderes, Kelly verwandelte ihn in große Kunst. War Pogo zunĂ€chst noch ein funny animal-Strip, der eben nur etwas besser geschrieben war (Kelly legte schon frĂŒh Wert darauf, zu zeigen das Kommunikation nur ein Irrtum ist), so bezog er spĂ€testens ab 1953 Stellung gegen die Hexenjagd des berĂŒhmt-berĂŒchtigten Senators Joseph McCarthy. Auch spĂ€ter behielt Kelly diese kritische Haltung gegenĂŒber der amerikanischen Politik: J. Edgar Hoover, Spiro Agnew und Richard Nixon wurden die bevorzugten Zielscheiben seiner Satire. Aber auch kommunistische Diktatoren waren nicht vor der LĂ€cherlichmachung durch Pogo und seine Freunde gefeit: So traten Crustschow als Schwein auf und Fidel Castro als Ziegenbock auf. Bemerkenswert, daß lediglich die Titelfigur, das Opossum Pogo, zeit seines Lebens etwas blĂ€ĂŸlich blieb, die restlichen 150 Haupt- und Nebenfiguren, allen voran Albert der zigarrerauchende Alligator, sind genau ausgetĂŒftelte Charaktere, deren unterschiedliches Naturell sich sogar in der Form der Sprechblasen und dem Lettering niederschlĂ€gt. (Lutz Göllner)

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Platz 36

Okami (Lone Wolf and Cub)
von Kazuo Koike & Goseki Kojima

 
Autor: Kazuo Koike
Zeichner: Goseki Kojima
Land: Japan


Itto Ogami, der Scharfrichter des Shogun, wird Opfer einer bösen Intrige. Die HĂ€scher eines verfeindeten Clans ĂŒberfallen sein Haus und töten seine Familie – nur seinen kleinen Sohn kann er retten. Als er dann auch noch eines Attentats auf seinen Herrn beschuldigt wird, bleibt eigentlich nur noch der rituelle Selbstmord, doch die Liebe zu seinem Sohn ist stĂ€rker als sein Ehrenkodex, und so wird Ogami zum „Okami“, zum einsamen Wolf, der von nun an dazu verdammt ist, mit seinem Kind heimatlos durch die Welt zu irren und sein Leben als gedungener Mörder zu bestreiten.

Schon 1970 erschien der „Okami“-Zyklus in Japan und wurde sehr schnell sehr erfolgreich – der Westen allerdings mußte sich gedulden, bis 1987 der seinerzeit amtierende Comic-Übergott Frank Miller gestand, welcher Comic ihn wie kein anderer zu seiner neuen, gefeierten, dynamischen Linie inspiriert hatte. Mit von Miller neu gezeichneten Covern und einfĂŒhrenden Worten erblickte „Okami“ unter dem Namen „Lone Wolf and Cub“ das Licht des amerikanischen Markts und half, die westliche Welt aus ihrem Manga-Dornröschenschlaf zu erwecken.

Selbst heutzutage sieht der 7000 Seiten starke Samurai-Epos von Kazuo Koike und Goseki Kojima immer noch reichlich modern aus. NatĂŒrlich, ein Ronin, der im Japan der Edo-Zeit einen Kinderwagen durch die Lande schiebt, das gibt es in diesem Genre nicht allzu hĂ€ufig zu sehen. Ebenfalls ganz gehörig aus dem ĂŒblichem Rahmen fallend ist der ĂŒppige Aufwand um AuthenzitĂ€t, mit der Koike und Kojima die Kultur des fernöstlichen Mittelalters vor unseren Augen wiederauferstehen lassen – egal, ob Deko oder Bekleidung, ob Philosophie der Zeit oder alltĂ€gliche Sitten und GebrĂ€uche; die Kulisse ist hier alles andere als schmĂŒckendes Beiwerk, sondern dermaßen grundsolide durchrecherchiert, daß jedem Geschichtsforscher die TrĂ€nen der RĂŒhrung in die Augen steigen (Nicht-Japanologen können die Details in der deutschen Ausgabe anhand historischer Nachbemerkungen vertiefen).

Doch vor allen Dingen: was „Okami“ neben dieser opulenten Historien-Inszenierung nach all den Jahren immer noch so gut funktionieren lĂ€ĂŸt, ist das GespĂŒr seiner Autoren fĂŒr filmischen ErzĂ€hlrhythmus. In majestĂ€tischer BedĂ€chtigkeit wird der Leser in die Szenen eingefĂŒhrt; langsam und episch schwelt das Unheil heran, um sich schließlich in ausgiebigen, wuchtigen Actionszenen zu entladen. Wenn dann in Zeitlupe die durch die Gegend wirbelnden Angreifer durch Okamis flirrendes Schwert erlegt werden, fĂŒhlt man sich wirklich wie im Kino.

Apropos: natĂŒrlich verkauft sich ein Manga nicht ĂŒber 250 Millionen mal, ohne verfilmt zu werden. Schon 1972 machte Kenji Misumi aus der Saga des einsamen Wolfs eine sechsteilige Filmreihe. FĂŒr alle, die nach 8 BĂ€nden bei Carlsen erst so richtig auf den Geschmack gekommen sind, gibt‘s „Das Schwert der Rache“ und „Am Totenfluß“ bei One World Entertainment auf DVD. (Thomas Strauß)

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Platz 37

Frank
von Jim Woodring

 
Autor: Jim Woodring
Zeichner: Jim Woodring
Land: USA


Als Michel Foucault Mitte der sechziger Jahre seine legendĂ€re ArchĂ€ologie der Humanwissenschaften "Die Ordnung der Dinge" veröffentlichte, konnte er noch nicht wissen, dass folgender aus diesem Werk stammende Satz sich einmal vollkommen richtig auf Jim Woodrings ab 1992 erscheinenden Strip Frank beziehen wĂŒrde: „Sprache und Malerei verhalten sich zueinander irreduzibel: vergeblich spricht man das aus, was man sieht: das, was man sieht, liegt nie in dem, was man sagt; und vergeblich zeigt man durch Bilder, Metaphern, Vergleiche das, was man zu sagen im Begriff ist.“ Woodrings Frank ist ein Wunderwerk an Ungreifbarkeit, ohne unzugĂ€nglich zu sein. Was die biberzahnige, keiner bestimmten Spezies ausser derjenigen der antropomorphen Cartoon-Tiere zugehörige Hauptfigur an einem Ort, wo Dekoration und Natur in welligen Linien und organischen Formen zu einer Art Landschaft zusammenlaufen, so treibt, ist schwer zu sagen. FĂŒr die (fast gĂ€nzlich stummen) Handlungen, Wesen und Dinge fallen einem keine Namen ein.Der Tiefgang ist bodenlos, liegt aber nicht „unter“, „hinter“ oder „zwischen“ Woodrings wunderschönen, wie aus dem Nichts kommenden, weder abstrakten noch figurativen, naiven noch durchtriebenen Zeichnungen, sondern völlig klar, doch unerklĂ€rbar vor einem. Sicher ist nur: stellenweise ist Frank - bei aller Niedlichkeit - so gruselig, dass einem die Nase abfĂ€llt. (Sven-Eric Wehmeyer)

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Platz 38

Feuer
von Lorenzo Mattotti

 
Autor: Lorenzo Mattotti
Zeichner: Lorenzo Mattotti
Land: Italien


Auf den ersten Blick könnte man es als das abhaken, wofĂŒr entsprechende Apologeten gerne die bundesverdienstkreuzgleiche Umschreibung „graphische Literatur“ hervorpopeln: sich aufdringlich galerientrĂ€chtig gerierendes Gepinsel, das vornehmlich sein Artsyfartsytum abfeiert. Über einen solchen Mißbrauch ist Mattottis Feuer von 1988 jedoch weit erhaben. Zwar liegt sein Stil nahe an Maltechniken, die unter diversen -ismen der Kunstgeschichte eingeschrieben sind (was ihn eben zum beliebten Vorzeige-Kunscht-Comic qualifiziert); doch wird hier nicht der angegammelte Heuristik-Zombie „Bildsprache“ formuliert, sondern stattdessen, ganz comic-kompatibel, mit Bildern erzĂ€hlt. In der Geschichte des von den Gestalten, Feuern und Farben der geheimnisvollen Insel Sankt Agatha in Bann gezogenen Leutnant Absinth, die konsequent mit totaler Auflösung endet (Regression der Hauptfigur und Vernichtung des AufklĂ€rungskreuzers als Farb- und Formexplosionen), verunmöglicht die perfekt ausbalancierte Einheit von „Inhalt“, „Bedeutung“ und Gestaltung die Reduktion auf den GemĂ€ldeaspekt; Mattotti schafft eine unaufgesetzt-ausgeglichene Unwirklichkeit, in der man ihm auch Farben als HandlungstrĂ€ger abnimmt. Ein visuell derart erschlagendes Experiment ist, wie an Mattottis sonstigen Arbeiten abzulesen ist, zur Einmaligkeit verurteilt. (Sven-Eric Wehmeyer)

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Platz 39

ItÂŽs a Good Life, If You DonÂŽt Weaken
von Seth

 
Autor: Seth
Zeichner: Seth
Land: Kanada


Nachdem ich stundenlang in meinem Comicschrank forschungsmĂ€ĂŸig unterwegs gewesen war, sah ich dann doch meine Vermutung bestĂ€tigt, dass es sich bei Seths (Kanadier und guter Kumpel von Chester "The Playboy" Brown und Joe "The Poor Bastard" Matt) "ItÂŽs a Good Life, If You DonÂŽt Weaken" um den am meisten zuende gedachten (da kommt selbst Lewis Trondheim nicht mit) Comic ĂŒber AlltĂ€glichkeit bzw. das Leben an sich handelt. Zwar gibt es auch soetwas wie eine Story - Seth, der selber die Hauptrolle ĂŒbernimmt, macht sich auf die Suche nach einem verschollenen Zeichner/Karikaturisten namens Kalo, von dem er in alten Ausgaben des "New Yorker" einige wenige Bildchen entdeckt hat - doch wird hier das Prinzip, welches das Gros aller narrativen Kunst beherrscht, eine Geschichte mit Hilfe von Figuren erzĂ€hlen zu lassen, einfach umgedreht. Er benutzt die Handlung lediglich um sein Dasein unsymbolisch, unwitzig, straight arrangiert und mit einem absolut grandiosen, die Zeit einfrierenden, Zeichenstil auf 160 Seiten zusammenzufassen. Dabei ist es so piepenhange wie nur irgendwas, ob es diesen Kalo nun wirklich gegeben und ob Seths haarstrĂ€ubendes Indiana-Jones-Abenteuer autobiografisch, semiautobiografisch oder 1000%ig ausgedacht ist (ich erwĂ€hne das nur deshalb, weil im Zusammenhang mit "ItÂŽs A Good Life" immer und immer wieder darauf abgehoben wird (wahrscheinlich weil den Knilchen und Knilchinnen ansonsten nix besseres dazu einfĂ€llt)). Wer jetzt glaubt, dass das alles totaler Humbug ist, wie ihn nur eine Eierbirne ausbrĂŒhten kann, die schon zuviele Comics in ihrem Leben gelesen hat, der werfe doch mal einen Blick in "Clyde Fans", dem ersten Teil des Nachfolgers von "ItÂŽs A Good Life", wo ein Opa ca. 70 Seiten lang monologisierend durch seine olle Bude stiefelt... Bleiben am Schluss nur noch ein paar heiße Scheiben, die man in voll bekackter Hippietradition als Lese-Soundtrack empfehlen kann: Jimmy Giuffre: "1961", Frank Sinatra: "In The Wee Small Hours", Bill Evans: "Sunday At The Village Vanguard". Und ab dafĂŒr! (Marc SagemĂŒller)

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Platz 40

Kabuki
von David Mack

 
Autor: David Mack
Zeichner: David Mack
Land: USA


In den 90ern ist in den US-Comics ziemlich wenig aufregendes passiert. Den Aufbruch, den Miller, Sienkiewicz und Chaykin angedeutet hatten, war lÀngst abgeblasen worden. Im Mainstream und an dessen RÀndern herrschte lautstarke Langeweile a la McFarlane, Lee & Co. Einer der wenigen, der dennoch versuchte neue Wege zu gehen, war David Mack.
"Kabuki" ist zunĂ€chst einmal eine SF/Samurai-Story, die Geschichte einer Rache. Nicht wirklich originell. Aber wie Mack diese Geschichte erzĂ€hlte, war aufregend frisch und oft geradezu waghalsig. "Circle of Blood", eine in sechs Teilen veröffentlichte s/w-Graphic Novel, die den Kern der Story bildet, erschlĂ€gt in ihrer erzĂ€hlerischen Wucht. Auch wenn Mack spĂŒrbar mit anatomischen Fertigkeiten kĂ€mpft, sein Sinn fĂŒr Seiten-Design, Tempo, Kontemplation, sein GespĂŒr fĂŒr die innere Dramatik der Geschichte macht jeden Fehler im Detail wett. "Kabuki" ist eine verrĂŒckte, bestechende Mischung: eine pathetische stream-of-consciousness- Action-Tekno-Zen-Ballade, das Teil, das William Gibson immer schreiben wollte, aber nie konnte.
Nach "Circle of Blood" verzettelte sich Mack. Kabuki ließ ihn nicht los oder er konnte nicht los lassen. Die Geschichte war erzĂ€hlt, was folgte war halbgares, lyrisches Geraune, das in kitschig collagierte GemĂ€lde eingebettet wurde – Poster-Artwork fĂŒr Kung Fu-Schulen und TeelĂ€den. Das macht ihn zwar zum einzigen KĂŒnstler, der auf den Spuren von Sienkiewicz’ "Stray Toasters" wandelt, aber von dessen wohlkalkuliertem Wahnsinn ist Mack Lichtjahre entfernt. (Bernd Kronsbein)

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Platz 41

Green Lantern/Green Arrow
von Denny O’Neil & Neal Adams

 
Autor: Denny O’Neil
Zeichner: Neal Adams
Land: USA


Mit Neal Adams ist das so eine Sache: Welches seiner Projekte verdient die Aufnahme in diese Liste? Ist es sein Batman, der den realistischen New Look des Dunklen Detektivs etablierte? Sind es seine X-Men, bei denen Adams mit Layouts experimentierte, bis Stan Lee selber die Notbremse zog und ganze Seiten von Marie Severin neu zeichnen ließ? Oder gar sein Superman, der sich zwar nur auf wenige Hefte, einen Haufen klassischer Titelbilder und den Sonderband „Superman vs. Muhamed Ali“ beschrĂ€nkte, das Erscheinungsbild des StĂ€hlernen in den siebziger Jahren aber nachhaltig verĂ€nderte?
Nein, Adams grĂ¶ĂŸte Leistung bestand ohne Zweifel in seinem Green Lantern-Run, der von April 1970 bis Mai 1972 (mit vier Nachklappern im Flash) lief. Der ehemalige Journalist Denny O’Neil, gerade frisch zu DC gestoßen, schrieb dem jungen Mann Szenarien, die vollkommen mit den alten Superhelden-Stories brachen. Gleich im ersten Heft, der Nummer 76, muß Hal (Green Lantern) Jordan gegen einen fiesen Hausbesitzer antreten, der mit legalen Methoden seine Mieter terrorisiert. Sehr zum Mißtrauen seiner Chefs, der WĂ€chter von Oa, denn diese schicken einen Aufpasser auf die Erde. Gemeinsam mit seinem Kumpel Green Arrow und verfolgt von dessen Freundin Black Canary macht sich die kleine Gruppe auf eine Reise durch Amerika - und entdeckt einen fremden Kontinent, beherrscht von Rassismus, Intoleranz und LĂŒgen, ökologisch verwĂŒstet, mental zerstört, die Aufbruchstimmung der Kennedy-Ära ist dem Vietnam-Kater gewichen. Die Reise endet in einem seitenlangen Kampf zwischen der „konservativen“ Laterne und dem „progressiven“ Pfeil, der mit einem Text aus Norman Mailers brillanten Reportageroman „Heere aus der Nacht“ unterlegt ist, nur um sich in den nĂ€chsten Heften den Themen Überbevölkerung, Drogensucht und Sekten zuzuwenden. UnterstĂŒtzt von den Young Guns Mike Kaluta und Bernie Wrightson legen O’Neil/Adams bis zur Nummer 89 (einzig Heft 88 war nicht von ihnen) eine Serie hin, die geprĂ€gt ist vom Zeitgeist dieser Jahre und gaben den Superhelden-Comics damit erstmals soziale Relevanz.
Die bittere Pointe freilich sollte man nicht verschweigen: Adams und O’Neil betreuten mit Green Lantern eine siechende Serie und durften deshalb experimentieren. Allein: Es half alles nichts, nach der Nummer 89 wurde das Heft wegen mangelnder Verkaufszahlen und trotz hervorragender Kritiken eingestellt. (Lutz Göllner)

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Platz 42

Alack Sinner
von José Muñoz & Carlos Sampayo

 
Autor: Carlos Sampayo
Zeichner: José Muñoz
Land: Argentinien/USA


„Was fĂŒr eine Stadt! Wer hier lebt, darf sich ĂŒber nichts wundern. Die Dinge geschehen einfach...“ Diese Stadt heißt New York, und einer, der hier lebt, ist Alack Sinner, Ex-Polizist und Privatdetektiv. Sich Wundern paßt nicht zu seinem Beruf - sein Job ist es, Antworten zu finden, bisweilen auch auf Fragen, die man ihm gar nicht gestellt hat, kurz: FĂ€lle zu lösen. Das hilft ihm, finanziell ĂŒber die Runden zu kommen, und mehr als einmal rettet es ihm auch selber den Hals. Aber es liefert ihm keine ErklĂ€rungen in seinem wichtigsten Fall: seinem eigenen.
Er ist sich seiner GefĂŒhle selten bewußt - seine Ängste verdrĂ€ngt er, bis sie als abgrĂŒndige Traurigkeit wiederkehren, die er nur zu oft in Alkohol ertrĂ€nkt. Dabei fressen ihn Egoismus, Skrupellosigkeit, BrutalitĂ€t um ihn herum innerlich auf, und er sehnt sich nach echter Freundschaft. Aber zugleich auch nach seiner Einsamkeit. Dieser Mann ist zwar ein verdammt guter Privatdetektiv, weil er etwas herausfinden will (vielleicht sogar muß). Doch er sagt von sich selbst, daß er die Welt nicht aus den Augen eines SpĂŒrhundes sieht, sondern „mit dem Blick eines SĂŒnders“. Deshalb ist er keiner von all den zynischen SchnĂŒfflern, die andauernd coole SprĂŒche absondern, etwa ĂŒber ihr Jagdrevier und ihre Opfer. Er weiß einfach auch, daß es ihn in dieser Stadt an jeder Ecke erwischen kann, jederzeit, aus nichtigstem Anlaß. Da bleibt kein Platz fĂŒr Eitelkeit....
„Verdammte, dĂŒstere Stadt!“ Im flĂ€chigen Schwarzweiß des Exil-Argentiniers JosĂ© Muñoz (der sein Handwerk bei Alberto Breccia und Hugo Pratt erlernte) wird es sowieso nie richtig Tag. Und dazu sind die Bildausschnitte oft derart gedrĂ€ngt, die Perspektiven gewagt, daß sich immer wieder GefĂŒhle klaustrophobischer Enge, einer latenten Bedrohung einstellen. Die Bilder werden zudem in dem Maße dĂŒsterer, in dem auch die ErzĂ€hlungen von Muñoz‘ Landsmann Carlos Sampayo immer auswegloser erscheinen. Sie dokumentieren nicht nur Sinners allmĂ€hlichen Abstieg, seine zunehmende innere Verzweiflung. Sie belegen dazu den Niedergang einer wie auch immer gearteten Hoffnung auf revolutionĂ€re Befreiung im Laufe der 70er Jahre, die mit Black-Panther-Militanz z. B. begannen und im reaktionĂ€ren Backlash der Reagonomics endeten. Selbst die Graphik dokumentiert diesen Wandel: vom prĂ€zisen Strich zu Beginn (1975) mit sozialkritischem Interesse binnen weniger Jahre zur drastischen Karikatur, die ein groteskes Panoptikum dekadenter US-Massenkultur entwirft.
OhnmĂ€chtige Wut spricht aus diesen spĂ€teren Folgen. Alack Sinner aber sagt weiterhin: „Je brutaler die Stadt sich zeigt, um so mehr gefĂ€llt sie mir. Ein widersprĂŒchliches GefĂŒhl, aber nur so wird sie fĂŒr mich lebendig, kann ich ihre Gesetze achten und auf Antworten hoffen, die sie fĂŒr mich bereithĂ€lt.“ Er wird weiter suchen, weiter leiden. Und den Widerspruch vermutlich nicht lösen... (Martin Budde)

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Platz 43

Blueberry
von Charlier & Giraud

 
Autor: Jean-Michel Charlier
Zeichner: Jean Giraud
Land: Frankreich


Ganz entgegen seines Rebellen-Images ist Blueberry ein ziemlicher Anpasser: 1965, der Western ĂĄ la John Ford war gerade im Untergang, debĂŒtierte er in Fort Navajo ganz klassisch als leicht gebrochener, aber durchweg positiver Held; Anfang der siebziger Jahre, auf dem Höhepunkt der Italo Western-Welle, kĂ€mpfte sich auch Blueberry zĂ€h durch eine dreckige und fiese Welt, die ihm schließlich alles nahm, Rang, Namen und vermeintlich sogar das Leben; und seine RĂŒckkehr in den Achtizern wurde im Kino begleitet von einer kleinen, aber feinen Renaissance des Westernfilms. Doch was Blueberry zu so einer bemerkenswerten Serie (dem besten Western in diesem Medium) macht ist, daß er bei aller Anpassung an den Zeitgeist immer eine zutiefst eigene Schöpfung des Texters Jean-Michel Charlier und seines Zeichers Jean Giraud geblieben ist. Das macht Blueberry zu einer Ausnahme in der Karriere des Vielschreibers Charlier und nicht umsonst ist dies die einzige Konstante in der nun schon 40 Jahre dauernden - und an Tiefpunkten nicht gerade armen - Karriere Girauds, die einzige Serie, zu der er immer wieder zurĂŒckkehrt. Es scheint, als hĂ€tte sich hier eine Figur ihre Biografen selber ausgesucht. Selbst die Versuche anderer, weniger begabter, Autoren und Zeichner konnte dem Nimbus der Serie nichts anhaben. Fraglich ist nur, ob Giraud, der nun auch schon im Rentenalter ist, seinen Plan wahrmachen kann, das Leben des Mike Steve Blueberry von seiner Geburt 1843 bis zu seinem Tod im Jahr 1933 (die Parallelen zu Pratts Corto drĂ€ngen sich auf) zu erzĂ€hlen. (Lutz Göllner)

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Platz 44

Short Stories
von Bernie Wrightson

 
Autor: Bernie Wrightson
Zeichner: Bernie Wrightson
Land: USA


Dem Horror-Genre haftet in besonderem Maße das an, was Stephen King den „Laß-mich-dein-gekautes-Essen-sehen“-Faktor nennt: kindliche Schau-und Zeigensfreude dessen, was verrottet, sobald Licht darauf fĂ€llt; Spielereien mit OberflĂ€che und Material zuungunsten kĂŒnstlerischer Ökonomie; Schrecken plus Spaß minus Scham. Obwohl all das so einfach klingt, gibt es im Bereich expliziten, phantastischen Horrors nur wenig wirklich ĂŒberzeugende Werke. Im Medium Comic steht, historisch und stilistisch der EC-Terrorkanone Graham „Ghastly“ Ingels nachfolgend, an einsamer Spitze Berni(e) Wrightson. Sein Horror ist vollsaftig, körperlich und von hemmungslos ausformulierter, barocker Üppigkeit. Alles wird gezeigt, ist eklig, finster und lustig, aber immer geschmackvoll, trotz oder gerade wegen der Einzelbilder abfeiernden Brechstangen-AtmosphĂ€re, der ĂŒberverzerrten Gummi-Gliedmaßen und des liebevoll manieristisch umkauerten, immergleichen Monstren-und Plotarsenals. Höhepunkt im Oeuvre, zumindest unter comic-orientierten Gesichtspunkten, sind die Stories, die Wrightson, nach seinem Swamp Thing-Durchbruch bei DC, zwischen 1974 und 1976 - z.T. in Kooperation mit anderen Autoren - fĂŒr Jim Warrens s/w-Horrormagazin Creepy schuf: nach dem DebĂŒt The Black Cat folgten neben weiteren Poe- und Lovecraft-Adaptionen solche Kracher wie The Muck Monster, Bernis Frankenstein-PropĂ€deutik, die Loch-Ness-Variation The Pepper Lake Monster, kleine mit EC-Pointen versehene Fiesheiten wie The Laughing Man oder Nightfall und, als Höhepunkt und ultimative femme fatale-Exploitation, Jenifer. Eine Schande, daß z.Zt. keine s/w-Auswahl dieser Eyeslasher greifbar ist. (Sven-Eric Wehmeyer)

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Platz 45

Fantastic Four
von Jack Kirby & Stan Lee

 
Autor: Stan Lee
Jack Kirby
Zeichner: Jack Kirby
Land: USA


Das Werk von Jack Kirby kann mit einem einzigen Wort charakterisiert werden: Energie! UngebĂ€ndigte visuelle wie erzĂ€hlerische Energie, gepaart mit einer Fantasie, die im Laufe von ĂŒber 50 Jahren wahre Herscharen von Helden geboren hat: Von Captain America ĂŒber den Hulk, die X-Men bis zum Silver Surfer. Kirby wurde zum Epizentrum des gesamten amerikanischen Comicmarktes. Den Höhepunkt bilden unbestritten die Hefte der Fantastic Four, die er gemeinsam mit Texter Stan Lee in den 60er Jahren schuf. In ihnen entwickelte er seine graphische ErzĂ€hltechnik zur Perfektion und brillierte mit dem, was bald zu seinem Markenzeichen wurde: Überlebensgroße, gottgleiche Figuren, die KĂ€mpfe von galaktishen Ausmaßen ausfechten. In den Fantastic Four findet Kirby den idealen Partner, der auf der einen Seite grandios-kosmische Texte auf den Leib dichtet, auf der anderen Seite aber auch immer darauf achtet, dass die Helden fest im normalen Leben und seinen trivialen AlltĂ€glichkeiten verankern bleiben.

KirbyÂŽs Zeichnungen strotzen vor Kraft und Dynamik. Wie kein zweiter beherrscht er die visuelle Sprache des Mediums Comic. Korrekte Anatomie oder Perspektive ordnen sich dem einen Ziel unter, eine Geschichte zu erzĂ€hlen, und dies so eindringlich und ĂŒberzeugen wie nur irgend möglich. HierfĂŒr erfand er die ganzseitige splash-Panels, arbeitete mit Collagen und entwickelte eine von starken schwarz-weiß-Kontrasten dominierte Darstellungsweise.

Neben der Saga um die Fourth World, die unmittelbar im Anschluss entstand, zĂ€hlen Jack Kirbys und Stan Lees Fantastic Four zum besten, was der amerikanische Mainstream-Comicmarkt hervorgebracht hat. Alles danach ist nur eine Fußnote zu Kirby. (Cord Wiljes)

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Platz 46

Preacher
von Garth Ennis & Steve Dillon

 
Autor: Garth Ennis
Zeichner: Steve Dillon
Land: USA


Es gibt nur einen Comic, fĂŒr den Hardcore-Redneck-Chronist Joe R. Lansdale oder Clerks / Chasing Amy - Regisseur Kevin Smith Vorworte schreiben, der seinem Hype wirklich standhalten kann, dutzendfach die Momente perpetuiert, die die grĂ¶ĂŸten Spaghettiwestern groß machen, Dialoge bietet, wie sie Quentin Scorsese kaum hĂ€tte schreiben können, mit einem Prediger auf der Suche nach Gott, John Wayne, Engeln, dem Heiligen der Killer, einem Vampir, einer Gralssekte und ĂŒbelstem Backwoodabschaum, der splattert wie Ziege und derart Kette gibt, dass...was soll man sagen? Der Preacher macht seine Gemeinde sprachlos, indem er sie derart zupredigt, dass die Kirche explodiert – was in der Exposition exakt so stattfindet. Denn hier geht es nicht darum, auf Deubel komm raus „Tabus zu brechen“ (oder wie auch immer die Formeln lauten mögen, mit denen feuilletonistische Geistlosigkeit ihre engen Schubladen beklebt), sondern in erster Linie darum, der höchsten Kunst des Dialogs zu frönen. Über die Unmenge an dreiĂ€ugigen WĂŒstenkannibalen, französischen Pferdefressern und kackenden Wurstfetischisten, die das Bild der Serie gegen Ende hin zunehmend prĂ€gen, sollte man dabei hinwegsehen können, ebenso wie ĂŒber EnnisÂŽ gelegentliche Übungen in Infantil-Atheismus. Politische Kritik prallt am Preacher jedenfalls ab wie Kugeln vom Heiligen der Killer. Sollte man in der Home-Bibliothek zwischen James Ellroy und Oscar Wilde einordnen. (Sven-Eric Wehmeyer)

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Platz 47

Fourth World
von Jack Kirby

 
Autor: Jack Kirby
Zeichner: Jack Kirby
Land: USA


Eine moderne Mythologie fĂŒr das 20. Jahrhundert: Jack KirbyÂŽs Saga um die Fourth World ist ein breit angelegtes Epos, das den Ă€onenalten Kampf des Guten gegen die MĂ€chte der Finsternis in die Jetztzeit transferiert. Nach dem Tod der alten Götter entstanden aus den Ruinen zwei neue Welten der New Gods. Auf der einen Seite New Genesis, die Welt des Schönen und des Lichts, gefĂŒhrt von Highfather, dem Weisesten der Göttter. Auf der anderen Seite Apokolips, die Welt der Feuergruben und der Para-DĂ€monen, mit eiserner Hand beherrscht vom Tyrannen Darkseid und seinen dunklen Vasallen.

Als Jack Kirby 1970 im Unfrieden von seinem langjĂ€hrigen Stammverlag Marvel zum Konkurrenten DC wechselte, bot sich ihm erstmalig die Möglichkeit, seine Geschichten auch eigenstĂ€ndig schreiben zu können. Er ĂŒbernahm zeitgleich die vier Reihen SupermanÂŽs Pal Jimmy Olsen, New Gods, Mister Miracle und Forever People, und verschmolz sie zu einer vielschichtigen und facettenreichen Gesamtgeschichte. Jack Kirbys Werke waren schon immer ĂŒberlebensgroß, aber in den Fourth World Titeln, insbesondere im Flaggschiff New Gods, lieferte er sein MeisterstĂŒck ab. Eine solche FĂŒlle an Göttern, Mysterien, fremden Welten und Abenteuern braucht den Vergleich mit der griechischen Mythologie und den nordischen Göttersagen nicht zu scheuen. Das Werk ist durchzogen von einer tiefgreifenden Symbolik, deren Interpretation ganze Doktorarbeiten fĂŒllen wĂŒrde: Der böse Darkseid sucht nach der "Anti Life Equation", einer Formel fĂŒr Kontrolle und Ordnung, nicht fĂŒr Zerstörung. Der Todesengel der Götter ist ein schwarzer Skifahrer (!). Die Götter haben ihren eigenen Gott: Die Quelle der Weisheit, genannt "the source". Und bei aller kosmischen Grandezza gelingt es Kirby doch zugleich, die Handlung ĂŒberzeugend mit dem Leben ganz normaler Menschen zu verknĂŒpfen, die mit den Göttern in BerĂŒhrung kommen und die dabei Grundlegendes ĂŒber sich und die Welt erfahren.

Leider fand die Fourth World nie einen Abschluss. Nach nur zwei Jahren stellte der Verlag die Titel abrupt ein, angeblich wegen zu geringer Verkaufszahlen. Der Versuch, nachtrĂ€glich mit der Graphic Novel Hunger Dogs einen Abschluss zu setzen, blieb erzĂ€hlerisch wie kĂŒnstlerisch unbefriedigend. Es ist dies eine Tragik, die Jack KirbyÂŽs Werk mit vielen anderen der Kunst- und Musikgeschichte verbindet. Aber auch in der jetzigen Form ist Jack KirbyÂŽs "Unvollende" eine der herausragenden Einzelleistungen der Comicgeschichte. (Cord Wiljes)

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Platz 48

Kin-der-Kids/Wee Willie Winkie’s World
von Lyonel Feininger

 
Autor: Lyonel Feininger
Zeichner: Lyonel Feininger
Land: USA/Deutschland


Lyonel Feininger (1871-1956) gilt heute als anerkannter Vertreter der klassischen Moderne, mit seinen Ă€therisch-kristallinen Werken angesiedelt zwischen Kubismus und Bauhaus ein fester Bestandteil des bildungsbĂŒrgerlichen Kalenderrepertoires. Aber wahrscheinlich weiß man dort wenig von seinen AnfĂ€ngen als Karikaturist und vermutlich gar nichts von seiner (kurzen) Comic-Karriere. Dabei hĂ€tte es ohne diese den KĂŒnstler Feininger womöglich gar nicht gegeben.
Feininger wurde als Sohn eines deutschstĂ€mmigen Konzertmusikerpaares in New York geboren und kam mit 16 zurĂŒck in das Land seiner Eltern, um Violine zu lernen. Statt dessen widmete er sich lieber dem Zeichnen, besuchte in Berlin die Kunstakademie und begann dort, Illustrationen in diversen Humormagazinen zu veröffentlichen. Seine Themen variierten zwischen harmlosen Witzbildern und politischen Karikaturen, deren Themen allerdings von den Redakteuren der BlĂ€tter, fĂŒr die er arbeitete, vorgegeben wurden. Sein Interesse galt ohnedies mehr der kĂŒnstlerischen Ausarbeitung dieser Sujets, und sein graphischer Stil orientierte sich zunehmend an FlĂ€che und kantigen Konturen mit deutlichem Hang zur Groteske, was ihm schon in der Kritik um die Jahrhundertwende erste Beachtung einbrachte.
Mit diesem Renommee und vielleicht dank des Umstands, daß er gebĂŒrtiger US-Amerikaner war, gelang ihm 1906 der Sprung zurĂŒck ĂŒber den Großen Teich. Dort waren mittlerweile die Comics dabei, sich zu etablieren - argwöhnisch betrachtet aus zweierlei GrĂŒnden: zum einen witterten die „besseren Kreise“ in ihnen wegen ihres hĂ€ufig derben Humors eine Gefahr fĂŒr Anstand und Sitte. Zum anderen mußte gerade die gutbĂŒrgerliche Presse feststellen, daß die Boulevardzeitungen ihr eben dank dieser Comics massive Einbußen bereitete. So entschloß man sich ebenfalls zur Veröffentlichung von Comics, aber möglichst mit Niveau.
Die „Chicago Tribune“ hatte dazu im April 1906 einen ganz besonderen Einfall: Man kĂŒndigte eine Sonntagsbeilage an, die nur von deutschen Zeichnern bestritten werden sollte, darunter Karl Pommerhanz, Lothar Meggendorfer und eben auch Feininger. Um es kurz zu machen: kommerziell wurde es ein drastischer Flop, was nicht zuletzt daran lag, daß keiner der Zeichner, Feininger inbegriffen, der die Entwicklung der Comics in den zehn Jahren zuvor wohl auch kaum mitbekommen haben wird, eine Vorstellung von den Erwartungen ihres US-Publikums hatte.
Lyonel Feiningers Beitrag bestand immerhin aus einem echten Comic mit dem etwas seltsamen Titel „The Kin-der-Kids“. In dem guten halben Jahr, in dem die drei Kids Daniel Webster, Teddy und Piemouth in der „Tribune“ erschienen, kreuzten sie in ihrer Familienbadewanne ĂŒber das Meer, landeten in England und strandeten im zaristischen Rußland, dabei verfolgt von der „guten“ Tante Jim-Jam samt Cousin Gus und einer Familienflasche Rizinusöl sowie gelegentlich geleitet bzw. gerettet von Mysterious Pete, dessen Rolle genauso mysteriös bleibt, wie es sein Name verspricht.
GrĂŒnde fĂŒr diese Odyssee in der Badewanne, gar ein eigentliches Thema hatten die „Kin-der-Kids“ nicht. Sie begnĂŒgten sich mit der skurrilen Basiskonstellation und zahlreichen noch groteskeren Einlagen. Die turbulente Verfolgungsjagd, die sich dabei wie von selber ergab, fĂŒhrte allerdings eine echte Neuerung in die Comic-Historie ein: richtige Fortsetzungsstrips hatte es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben! Nimmt man dazu noch Feiningers meisterliche Seitenaufteilung und seinen plakativen Umgang mit FlĂ€chen und Farbe, so sind die „Kids“ schon ein kleines Comic-Juwel.
Sein wahres MeisterstĂŒck lieferte Feininger bei der „Tribune“ jedoch mit „Wee Willie Winkie‘s World“ ab - kein Comic, aber eine traumhafte Serie von kurzen Bildergeschichten mit Prosatexten, in denen die Metamorphosen diverser Landschaften aus der Sicht eines kleinen, phantasievollen Jungen geschildert werden. HĂ€user bekommen Gesichter, BĂ€ume, Wolken werden zu phantastischen Gestalten, Naturgeistern gleich, und GegenstĂ€nde rund um den Kamin stecken plötzlich voller Leben. UrsprĂŒnglich als Nebenserie zu den „Kin-der.Kids“ erstmals am 19. August 1906 erschienen, lief Klein-Willies phantastische Welt noch nach deren abrupter Absetzung am 18. November hinaus bis Anfang 1907, dann war Feiningers amerikanisches Abenteuer endgĂŒltig beendet. Der hatte sich unterdessen von dem Honorar der „Tribune“ selbst einen Wunschtraum erfĂŒllt und einen Studienaufenthalt in Paris leisten können, nach dessen Ablauf er zwar wieder sporadisch in Berlin als Witzzeichner tĂ€tig wurde. Aber der Grundstein zu seiner KĂŒnstlerkarriere war damit gelegt, und so hatten von seinem Comic-Intermezzo letztlich alle Seiten profitiert: die „Chicago Tribune“ erfuhr, wie man Comics besser nicht macht, sofern sie kommerziell erfolgreich sein sollen. Und die Comic-Nachwelt hat, Jahrzehnte spĂ€ter, einen Schatz entdeckt, mit dem sie sich zu Recht schmĂŒcken darf. Der kĂŒnstlerische Rang der „Kin-der-Kids“ und von „Wee Willie Winkie‘s World“ ist heute unstrittig und topaktuell. (Martin Budde)

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Platz 49

Treibjagd
von Pierre Christin & Enki Bilal

 
Autor: Pierre Christin
Zeichner: Enki Bilal
Land: Frankreich


FĂŒhrende ParteifunktionĂ€re des Warschauer Pakts kommen im verschneiten Polen in einem abgeschieden gelegenen Hotel zusammen, um eine gemeinsame Jagdpartie zu veranstalten. Die Biographien der Protagonisten werden vor dieser Kulisse entrollt, bis nach diversem erlegten Wild ein politisch motivierter Schuß einen Genossen trifft. Man fĂ€llt fast in einen seltsamen Zustand devoter Ehrfurcht, wenn man Pierre Christins (Szenario) und Enki Bilals (Graphik) 1983er Albumepos Treibjagd aufschlĂ€gt. Es ist der Gipfel ihrer Zusammenarbeit, das Finale der gemeinsamen, in den Siebzigern gestarteten Reihe der Heutigen Legenden und damit auch kulturhistorisches Dokument, denn ĂŒber das Medium hinaus markiert Treibjagd einen Endpunkt idealistischer Programmatik als ZusammenfĂŒhrung linker Agitation und Ă€sthetischer Strukturprinzipien. Es geht nicht nur um den in Fiktion gegossenen Niedergang des real existierenden Sozialismus, sondern auch um den Verlust der Möglichkeit, solche „Stoffe“ auf eine solche Art zu behandeln. Vor allem öffnet Bilals Kunst, nicht ĂŒberbietbar in ihrer ungeheuer plastischen, dĂŒsteren Farbigkeit, den Überblenden, großen Symbolen, dem fast altmodischem Ernst und dem kaltem, erstarrten Pathos, einen Raum ganz in sich verschlossener, sich ihrer BrĂŒchigkeit bewußten AtmosphĂ€re. Sehr achtziger, sehr groß. (Sven-Eric Wehmeyer)

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Platz 50

Sandman
von Neil Gaiman u.a.

 
Autor: Neil Gaiman
Zeichner: div.
Land: USA


Hierzulande denkt man bei „Sandman“ vielleicht an das kullerĂ€ugige MĂ€nnlein, das abends im Dritten Traumsand verstreut und den Kindern harmlose Gutenachtgeschichten erzĂ€hlt. Oder vielleicht noch an den grausamen Sandmann von E.T.A. Hoffmann.

Neil Gaimans Sandman hat zum GlĂŒck von beiden etwas. Knapp 2000 Seiten berichten von der Gefangennahme, den Abenteuern und dem Reich des Traumwebers, knapp 10 Jahre haben Gaiman und verschiedene Zeichner daran gearbeitet. Was soll man in wenigen Zeilen ĂŒber dieses ausufernde, weit verzweigte Universum sagen, das etliche Preise erhielt und zahlreiche Ableger gezeugt hat – Comicreihen wie „Luzifer“, „Mervyn Pumpkinhead“, „Death“ u.a.m.? Das Beste von allem ist vielleicht, dass Gaiman am Ende die vielen FĂ€den, die er ĂŒber die Jahre spann, zu einem ordentlichen Strick verdreht und Morpheus, den Herrn der Geschichten, von den Furien in den Tod hetzen lĂ€sst. Marc Hempel hat die Geschichte vom Tod des Sandman (The Kindly Ones; dt. Die GĂŒtigen) mit expressiven, luziden Bildern versehen, in denen jeder Strich sitzt. Die Schlichtheit seiner Kompositionen lĂ€sst der ErzĂ€hlung den breiten Raum, den sie braucht, denn Gaiman erzĂ€hlt höchst komplex und temporeich, immer mit einem postmodernen Augenzwinkern auf den Vorgang des ErzĂ€hlens selbst hin, eine Tragödie, in der sich wilde Rache, wahre Liebe und mythische Gestalten aller LĂ€nder ein Stelldichein geben. Wenn man die Geschichte des Sandman verfolgt hat, ist man vielleicht von Hempels gĂ€nzlich andersartigen Bildern zunĂ€chst schockiert, trifft aber all die herrlich skurrilen Bewohner des TrĂ€umens und der Wachwelt wieder, die man schon aus frĂŒheren Episoden kannte: den qualmenden KĂŒrbiskopf Mervyn, den Raben Matthew, Lyta Hall, die ihren Sohn Daniel mit einem Untoten zeugte, die seit Jahrtausenden lebende Hexe Thessaly, den Augen fressenden Alptraum Korinther; außerdem Elfen, die Götter Thor und Loki, Luzifer und viele andere. Und alle spielen ihren Part beim Untergang. Und irgendwann stellt man fest: Hempels Illustrationen in ihrer traumhaften Klarheit sind die einzig angemessenen, Gaiman zeigt sich von seiner besten Seite.

Obwohl diese Geschichte ein Genuss in sich ist: so richtig goutieren kann man sie erst, wenn man auch die Vorgeschichte(n) kennt, die in den frĂŒher erschienenen BĂ€nden erzĂ€hlt wurde(n). Da hilft nur eins: selber lesen - und nicht vergessen: Schöne TrĂ€ume! (Gerlinde Althoff)

 

 


Platz 51

Black Hole
von Charles Burns

 
Autor: Charles Burns
Zeichner: Charles Burns
Land: USA


Angst vor dem Tod, Angst vor dem Leben. Charles Burns beschĂ€ftigt sich eigentlich immer mit demselben Thema. In "Black Hole" bringt der US-Comic-KĂŒnstler es jedoch so genau auf den Punkt wie noch nie zuvor in seiner langen Karriere.
Zuvor schrieb und zeichnete er vor allem brillante Kurzgeschichten, die immer ein wenig den Geist der EC-Comics atmeten. "Black Hole" aber ist groß angelegt, so groß, dass es immer noch nicht abgeschlossen ist. Jedes Jahr kommen ein bis zwei neue Hefte hinzu. Am Ende sollen es wohl 12 werden. Aber egal. Was vorliegt, ist so gut, dass es in diese Liste gehört.
Erstmals lĂ€sst sich Burns auch Zeit, die Tiefen seiner Charaktere auszuloten, gibt er seinen Lesern Gelegenheit, Protagonisten wirklich kennenzulernen. Wo bislang Abstraktion und KĂ€lte wie ein Schutzschild die volle Wucht der Bilder und Geschichten abfederten, so verleiht die Öffnung in Richtung EmotionalitĂ€t "Black Hole" eine wesentlich direktere und beunruhigendere Wirkung. Alles ist da, was man von Burns kannte: Teenager, Sex, Krankheiten, Mutationen. Diesmal hat man aber keine Chance mehr, sich zu entziehen. "Black Hole" ist eine grandiose Lektion in Paranoia. Fuck off, David Lynch! (Bernd Kronsbein)

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Platz 52

Zoo
von Frank & Bonifay

 
Autor: Frank
Zeichner: Bonifay
Land: Frankreich


Der schönste Titel, den der dahingeschiedene Splitter-Verlag die Ehre hatte, in seinem Programm haben zu dĂŒrfen, war Franks und Bonifays ZOO.
ZOO, ein Dreiteiler, dessen erster Band 1996 und dessen zweiter erst vor kurzer Zeit (in Frankreich) erschienen ist, spielt am Vorabend des ersten Weltkrieges und erzĂ€hlt von einem ehemaligen Arzt, dessen Hobby sein eben errichteter Zoo ist. Er muß ihn winterfertig machen und engagiert dafĂŒr Zigeuner. Die Zigeuner ziehen nach getaner Arbeit weiter, nur eine Frau bleibt. Eine Frau ohne Nase. Die Folge eines Eifersuchtsdramas. Der Arzt hat eine junge Tochter und einen Angestellten. Die haben beide noch ihre Nasen, aber ein VerhĂ€ltnis untereinander. Die Frau ohne Nase beobachtet sie. EifersĂŒchtig? Frank erzĂ€hlt ZOO ausschließlich ĂŒber die AtmosphĂ€re. Ein Comic der Stimmungen und Andeutungen. Nichts wird an- oder gar ausgesprochen und dennoch ist der Leser verunsichert. Er verliert den Boden unter den FĂŒĂŸen, traut der Geschichte alles zu. Er fĂŒhlt sich verunsichert, ohnmĂ€chtig ob der unheilschwangeren AtmosphĂ€re. Wird etwas passieren und was wird passieren? Es ist der Phantasie des Betrachters ĂŒberlassen, welche Antwort er auf diese Frage findet. Er kann auch einfach darauf warten, welche Antwort Frank geben wird. Dem ist alles zuzutrauen. (Ingo Stratmann)

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Platz 53

Die GefÀhrten der DÀmmerung 3: Das Fest der Narren
von Francois Bourgeon

 
Autor: Francois Bourgeon
Zeichner: Francois Bourgeon
Land: Frankreich


Ein Album, fĂŒr das einem leicht Superlative von den Lippen gehen. Irgendwie sind sich auch alle einig: Gewaltig, monumental, atemberaubend, ein Monster von einem Buch. Aber jeder setzt nach: Und worum zum Teufel geht es eigentlich?
An der OberflĂ€che ist alles klar: Der dritte Teil einer Trilogie, die als sperrige Fantasy begann und als sperriges Historien-Spektakel endet. Eine Darstellung des Mittelalters, die man so unverklĂ€rt noch nicht gesehen hat, mit Blut, Scheiße, Pisse, Eiter, Sperma, Dreck und noch mehr Dreck. Die Geschichte spielt einige Tage um Weihnachten herum, aber dieses Fest hat nur wenig mit dem zu tun, was wir heute kennen. "Aberglaube" und "Glaube" liegt in einem Wettstreit, unter dem alles Weltliche blutig leidet. Der ganz normale Pöbel ist Freiwild fĂŒr jeden, der in der Hierarchie der Gesellschaft ĂŒber ihm steht. Aber er metzelt sich auch gern mal gegenseitig nieder. Gesellschaft? Zivilisation? Die Worte fallen einem irgendwie schwer.
Die AtmosphĂ€re bedrĂŒckend zu nennen ist eine starke Untertreibung. Über dem Buch lastest eine permanente Todesdrohung, die fast greifbar wirkt. Das notgeile Verhalten der Protagonisten wirkt da fast wie ein Überlebensinstinkt (wenn man nicht wĂŒĂŸte, dass dies eine Bourgeon’sche Obsession ist, die sich durch alle seine Werke zieht). Die ErzĂ€hlstrategie ist komplex bis kompliziert, mystisches Geraune wechselt mit krassester Gosse, und auch in den Zeichnungen lauert doppelbödiges, symbolisches, ungreifbares.
"Das Fest der Narren" erzĂ€hlt von fernen, fremden Zeiten und vielleicht ist es gerade deshalb so ein Meisterwerk, weil es sich prĂ€ziser, einfacher Deutung entzieht. Weil es einen in seiner Hermetik abstĂ¶ĂŸt und nicht umschmeichelt. Weil man aber gerade wegen dieser Fremdartigkeit immer wieder zurĂŒckkehrt. (Bernd Kronsbein)

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Platz 54

Sandman Mystery Theatre
von Matt Wagner, Steven Seagle, Guy Davis u.a.

 
Autor: Matt Wagner
Zeichner: div
Land: USA


Die Prohibition ist seit vier Jahren vorbei, aber Amerika hat sich verĂ€ndert. Das organisierte Verbrechen ist so mĂ€chtig wie nie zuvor, Jazz erobert die Clubs, Radio-Soaps dröhnen ĂŒber den Äther, Zeitungen liefern sich bewaffnete Auseinandersetzungen, die Emanzipation feiert erste Erfolge, die Weltausstellung öffnet das Tor in eine verheißungsvolle Zukunft, Rassenkonflikte schwelen, Kriegsangst ĂŒberschwemmt das Land, weil ein kleiner Irrer Europa in Brand setzt...

Das New York der spĂ€ten 30er ist nie so beeindruckend in Szene gesetzt worden wie in "Sandman Mystery Theatre". In siebzig Heften zwischen 1993 und 99 inszenierten das Autoren-Team Matt Wagner und Steven Seagle gemeinsam mit Zeichner Guy Davis (plus GĂ€sten wie Michael Lark, John Watkiss u.a.) das Portrait einer schillernden Ära. Sie beschrieben aber auch die komplexeste und glaubwĂŒrdigste Liebesbeziehung zwischen zwei erwachsenen und intelligenten Menschen, die die Comic-Literatur bis heute gesehen hat. Eine Beziehung, die sich im Laufe der Serie entwickelt, verĂ€ndert, tiefer wird, Klippen umschifft und abzuschmieren droht.
SMT war zunĂ€chst einmal "nur" ein seltsamer Spin-Off-Titel der "Sandman"-Serie von Neil Gaiman, der sowohl auf die UrsprĂŒnge des "Golden Age Sandmans" zurĂŒckgriff als auch auf die Gaiman’sche Mythologie. SMT war oberflĂ€chlich eine Hommage an die Pulps, aus denen die US-Comics hervorgegangen sind. Der Held stapft in Gas-Maske und Trenchcoat durch die Nacht, um die Bösen zu fangen, und die Heldin kann nicht still auf dem Hintern sitzen und einfach nur auf die RĂŒckkehr ihres Liebsten warten. Wesley Dodds und Dian Belmont hĂ€tten wahrlich ein lustiges Detektiv-PĂ€rchen sein können, eine Art Tracy/Hepburn fĂŒr die Comics, aber genau das sind sie zu keinem Zeitpunkt. SMT ist ernsthaft, prĂ€zise, dĂŒster, nachdenklich.
Jenseits vom moralischen Sozialkitsch, der in US-Comics in der Regel serviert wird, interessierten sich die Autoren tatsĂ€chlich fĂŒr ihre Sujets und Figuren. Zu den ĂŒberzeugendsten Strecken gehört zum Beispiel die, in der Dian schwanger wird. Unvorstellbar fĂŒr eine US-Comic-Serie: Sie besucht trotz und wegen aller gesellschaftlicher ZwĂ€nge eine Engelmacherin, sie treibt ab und diese "Tat" liegt wie ein Schatten ĂŒber dem Rest der Serie, ĂŒber allen Beziehungen, die die Reihe bestimmen.

SMT war bis zum Schluss die mutigste und unkommerziellste Serie, die sich ein US-Großverlag (DC Comics) je gegönnt hat. Das sie ĂŒberhaupt so lange lief ist wohl nur der Begeisterung ihrer Redakteure zu verdanken, die erst den Stecker zogen, als die gesamte US-Comic-Industrie schwer absackte und damit auch die Vertigo-Line. Die Serie bricht ĂŒberhastet ab, im Wunsch der Autoren, wenigstens noch ein adĂ€quates Ende zu finden. Mit dem Eintritt Amerika in den 2. Weltkrieg endet SMT und die Wege der Protagonisten trennen sich. Zumindest fĂŒr eine Weile. (Bernd Kronsbein)

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Platz 55

Der Mann am Fenster
von Lorenzo Mattotti

 
Autor: Lorenzo Mattotti
Zeichner: Lorenzo Mattotti
Land: Italien


Mit seinen furiosen Farbenspielen in „Feuer“ oder „FlĂŒster“und anderen hatte Lorenzo Mattotti Ende der Achtziger die Gemeinde der Comicfans in frenetischen Jubel versetzt – ĂŒberschwenglich fĂŒhlten sich einige Kritiker bereits dazu geneigt, die Geschichte der Comics von nun an in eine Zeit vor und eine Zeit nach Mattotti einteilen zu mĂŒssen – da kam der italienische Bildermagier 1992 auf einmal mit einem neuem Band an den Start, der so recht ĂŒberhaupt nicht das war, auf das die Augen der Welt so gespannt gewartet hatten. Im allgemeinen Kopfkratzen und Schulterzucken wurde dieser Band mehr oder weniger ignoriert und fast vergessen, in Erwartung auf des Meisters nĂ€chstes neo-moderne Pastellkreidengewitter. Ein bitteres Unrecht, was diesem Buch geschah, denn wenn man sich dem „Mann am Fenster“ ohne Erwartungsdruck und Vorbehalte nĂ€hert, offenbart sich eines der poetischsten und atmosphĂ€rischsten StĂŒcke Comicliteratur, die es je bislang zu sehen gab – so still und intim, wie man es Comics fast gar nicht zugetraut hĂ€tte.

Das Szenario von Mattottis Ex-Frau Lilia Ambrosi schildert uns Momentaufnahmen aus dem Alltag eines allein lebenden KĂŒnstlers, der wie der Besucher einer Galerie an den Szenen seines Lebens vorbeigeht und nur in seinen Skulpturen das zelebrieren kann, zu dem er im wirklichen Leben scheinbar unfĂ€hig geworden ist; das Zusammenkommen mit etwas, Teil von etwas sein, mit etwas eine Verbindung eingehen. Er ist nicht einsam, aber allein. Wie ein Blatt im Wind lĂ€ĂŸt er sich durch seine Stadt treiben, ist ab und an bei Bekannten, aber doch nie mit ihnen vereint, niemals Fuß fassend, innerlich sich stolz in seinen Monologen ergehend und sein EinzelgĂ€ngertum zelebrierend. Bis er durch einige unvorhergesehene Ereignisse dazu gezwungen wird, seine Haltung zu ĂŒberdenken...

Was die Leserschaft mit Sicherheit am meisten irritierte, war die komplett unerwartete Inszenierung, mit der Mattotti diese ruhig dahinfließende, bittersĂŒĂŸe Geschichte anging. Keine expressionistischen Farben diesmal, statt dessen ein Stil, den er vorher in seinen privaten SkizzenbĂŒchern versteckt gehalten hatte: fragile, luftige Federzeichnungen, die dem Abgebildeten fast einen Eindruck von Schwerelosigkeit verleihen. Still, dezent, zurĂŒckhaltend, karg – wie die Geschichte und ihr Held selber.
Doch gerade diese Herangehensweise ist die Trumpfkarte des Bandes, denn wenn Ambrosi in ihren tagebuchartigen Fragmenten die kleinen, sonst unbemerkten und gerade deshalb so funkelnden Details des Alltags beschreibt, liegt es am Leser, das Weiß des Papiers mit seinen eigenen bekannten SinneseindrĂŒcken zu fĂŒllen und sich von der Schönheit dieser Augenblicke ĂŒberwĂ€ltigen zu lassen. Ein Paradebeispiel dafĂŒr, wie viel man mit ganz wenig erreichen kann, wie durch Reduktion etwas Hochintensives entsteht. (Thomas Strauß)

Lesetipps:

 

 


Platz 56

Little Nemo
von Winsor McCay

 
Autor: Winsor McCay
Zeichner: Winsor McCay
Land: USA


Wie real sind TrĂ€ume? Jede Nacht taucht der 6jĂ€hrige Little Nemo ein ins Schlummerland, das Land der TrĂ€ume, in dem König Morpheus herrscht. Es ist eine Welt der Wunder und Visionen, der fliegenden DrachensĂ€nften und Meerjungfrauen, der Lichterorgien und KristallpalĂ€ste, der skurrilen Figuren und Fabelwesen. Hier erlebt Nemo die aberwitzigsten Abenteuer, nur um dann jeden Morgen (d.h. auf dem letzten Panel jeder Seite) unsanft auf den Boden der RealitĂ€t zurĂŒckgerufen zu werden.

Als Winsor McCay Little Nemo 1905 als Comic-Seite fĂŒr die Sonntagsausgaben des Herald Tribune entwickelte, war das Medium Comic gerade einmal 10 Jahre jung. Little Nemo stellte damals einen Quantensprung in der Entwicklung der Formen- und Bildsprache der Comics dar. In verspielter Mischung aus barocker Zeichenkunst und Art Deco schuf McCay Comics, die bis zum heutigen Tag verblĂŒffen und inspirieren. Little Nemo ist fĂŒr seinen Schöpfer zugleich auch ein gutes StĂŒck Aufarbeitung der eigenen inneren DĂ€monen gewesen. Das verleiht Little Nemo neben aller ZuckerbĂ€cker-Romantik an der OberflĂ€che eine teilweise sogar beklemmende AuthentizitĂ€t. (Cord Wiljes)

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Leseproben:

 


Platz 57

You are here
von Kyle Baker

 
Autor: Kyle Baker
Zeichner: Kyle Baker
Land: USA


Preisfrage: Was Haben "You are here", "I die at midnight" und "Why I hate Saturn" an Gemeinsamkeiten? Die Antwort: "Sie sind toll, toll und toll" ist schon ganz prima, die Antwort: "Es gibt keine deutschen Ausgaben!" ebenso bitter wie richtig. Ach ja, ich vergaß zu erwĂ€hnen, daß alle drei von Kyle Baker zu verantworten sind. Kyle Baker ist (zusammen mit Alan Moore, Garth Ennis und Frank Miller) der vielleicht beste lebende ComicerzĂ€hler und in Deutschland ignoriert man ihn. Soviel zum Zustand des deutschen Comicmarktes. Baker produzierte "You are here" ohne festen Abnehmer und zeigte es dann DC. Gut, das wenigstens die Amerikaner nicht mit Blindheit geschlagen sind. "You are here" ist ein Comic wie ein Trickfilm. Mit Bildern wie auf Filmfolien. Und Computerfarben, die Farbenblinde wieder sehend machen. Traumhaft anzuschauen. "You are here" bietet Bakers Kommentar zum Tarantino-Wahnsinn. Bietet Robert Mitchum in seiner schönsten Comicrolle. Bietet den kuriosesten Frauencharakter seit Oma Duck. Bietet die schönste Sequenz ohne Sprechblasen ever. Bietet SonnenuntergĂ€nge. Bietet skurrilen Humor und ein liebevolles und dennoch realistisches Stadtbild von New York. Bietet Charaktere, die sich entwickeln. Und ist traumhaft zu lesen. (Ingo Stratmann)

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Platz 58

Cerebus
von Dave Sim & Gerhard

 
Autor: Dave Sim
Zeichner: Dave Sim
Gerhard
Land: Kanada


Dave Sims Lebenswerk Cerebus ist ein auf 300 Hefte angelegter Entwicklungsroman, der 1977 gestartet wurde und 2004 beendet sein wird. Zu Beginn war Cerebus eine einfache Persiflage auf Barry Windsor SmithŽ Conan, in der der Aardvark Cerebus, ein kÀmpfendes Schwein, in einer barbarischen Welt allerlei Keilereien besteht. Schon nach wenigen Heften jedoch entwickelte sich Cerebus zur intelligenten Sozialsatire, die mit Querhieben auf Staat, Kirche, Hierarchien und Traditionen geradezu strotzt. Gekonnt gesetzte Pointen, Slapstickeinlagen und Parodien auf bekannte Persönlichkeiten sind urkomisch, nie jedoch Selbstzweck, sondern immer handlungstragende Elemente.

Mit zunehmendem Fortschreiten der Serie begrenzt Sim den Fokus immer mehr auf einige wenige handelnde Figuren und deren Interaktionen. In symbolisch ĂŒberzeichneten Traum- und Fantasiesequenzen wird der Zauber und Alptraum des normalen Alltags und der menschlichen Interaktion enthĂŒllt. Wenn Sim hier teilweise selbstreferenziell bis zur Unlesbarkeit wird und seinen misogynen Marotten frönt, dann ist das konsequenter Teil seines SelbstverstĂ€ndnisses: Er sieht sich als KĂŒnstler nur seinem Werk verpflichtet.

Sims glasklare s/w-Zeichnungen, in spĂ€teren Heften unterstĂŒtzt von Gerhard, und ein außergewöhnliches Lettering machen Cerebus darĂŒber hinaus auch zu einem optisch Erlebnis. Außerdem bietet Cerebus das wohl außergewöhnlichste Lettering, das an vielen Stellen zum integralen Bestandteil der Handlung wird.

Cerebus ist ein Experiment, das schon allein ob seiner GrĂ¶ĂŸe Bewunderung verdient. Wenn die geplanten 6000 Seiten Cerebus komplett sein werden, dann liegt ein Gesamtkunstwerk vor, das in seiner Ambitioniertheit wie in seiner Konsequenz einzigartig ist. (Cord Wiljes)

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Platz 59

Silver Surfer
von Stan Lee und John Buscema

 
Autor: Stan Lee
Zeichner: John Buscema
Land: USA


Mehr Pathos war nie: Er hat sich fĂŒr seinen Heimatplaneten geopfert, seiner großen Liebe entsagt, dem Weltenverschlinger Galactus als kosmischer Herold gedient, die Erde vor seinem Herrn gerettet, und wurde von diesem dafĂŒr verbannt. Der Dank der Menschen: Hass und Verfolgung. "Doch der Mensch, der die Herrschaft ĂŒber diese Welt errungen hat...er kennt den Frieden nicht!! - Denn er ist ein Gefangener im Netz seiner namenlosen Ängste." Er ist der Silver Surfer: ein kĂ€mpfendes Blumenkind, ein schwerbewaffneter Pazifist, ein surfender Poet. Und er ist vor allem eins: Ultracool! Wenn er mit seinem Surfbrett unterm Arm am Hofe der unsterblichen Asen in Walhall erscheint, gegen den fliegenden HollĂ€nder, außerirdische Echsen oder den leibhaftigen Mephisto antritt - dann hat das Stil.

John Buscema, auf dem Höhepunkt seines Könnens, zeichnet den Surfer mit unĂŒbertroffen Ă€therischer Eleganz. Selbst Moebius kann ihm mit seinem Remake 20 Jahre spĂ€ter nicht das Wasser reichen. Stan Lee, dessen erklĂ€rte Lieblingsfigur der Silver Surfer war, verlieh ihm messianische ZĂŒge und dichtete seinem Helden Geschichten und Verzweiflungsmonologe auf den Leib, die einen Hamlet blass aussehen lassen. Im Grunde muss man sagen: das ist Kitsch. Aber grandios, herzzerreißend und erhebend: Galaktisch guter Kitsch. (Cord Wiljes)

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Platz 60

Nick Fury
von Jim Steranko

 
Autor: Jim Steranko
Zeichner: Jim Steranko
Land: USA


Er war das GegenstĂŒck zu Neil Adams, revolutionierte er das Medium doch auf Ă€hnlich drastische Weise. Doch wo Adams an Michelangelo geschulte Anatomie und mathematisch ausgetĂŒftelte Perspektiven zeigte, waren Jim Sterankos Stories nur am coolen Aussehen interessiert (dies macht ihn zu einem frĂŒhen Vorfahren der Image-Boys). Und obwohl Sterankos aktive Comic-Zeichner-Zeit gerade einmal 29 Monate umfasst, wurde er zu einem Idol, einem Star und sein frĂŒher RĂŒckzug machte ihn nur noch geheimnisvoller. Als er die ComicbĂŒhne betrat hatte der Freund von Orson Welles (beide waren im New Yorker Zaubererzirkel aktiv) bereits eine Zirkuskarriere als EntfesselungskĂŒnstler (er war das Vorbild fĂŒr Mr. Miracle aus Kirbys Fourth World-Serie), Rockmusiker, Werbegrafiker und Privatdetektiv hinter sich. ZunĂ€chst nur als Assistent von Jack Kirby stieg er Ende 1966 mit Heft 151 in Nick Fury, Agent Of S.H.I.E.L.D. ein, der sich damals das Heft Strange Tales mit dem Magier Dr. Strange teilen musste. Nach wenigen Monaten ĂŒbernahm Steranko die Serie komplett und machte aus dem braven James Bond-Epigonen die visuell aufregendste Serie seiner Zeit. Jede Seite sprang den Betrachter an und kreischte ihm ins Gesicht: "This is Pop", Kollagen aus Zeichnungen und Photos, psychedelische Farben, Stroboskoplichteffekte und kontrastreiche KomplementĂ€rfarbgebung waren Sterankos Mittel. Eine filmisch aufgebaute Seite, die vollkommen ohne Text auskam, machte auch dem dĂŒmmsten Leser klar, daß Nick gerade Sex hatte. Nach anderthalb Jahren war Nick Fury so populĂ€r, daß er sein eigenes Heft bekam. Doch damit begannen Sterankos Schwierigkeiten: Die Verdoppelung seines Seitenausstoßes gelang ihm nicht, schon die Nummer 4 musste von einem Gastzeichner gestaltet werden, nach Heft 5, zwei X-Men und drei Captain America-Heften stieg Steranko aus. Ohnehin war er eher an grafischen Experimenten, denn am GeschichtenerzĂ€hlen interessiert und so war es nur folgerichtig, dass er Anfang der siebziger das Marvel-Fanzine Friends Of OlÂŽ Marvel redaktionell ĂŒbernahm und gleichzeitig die auf sieben BĂ€nde angelegte Steranko History Of Comics in Angriff nahm, all dies nur eine VorĂŒbungen fĂŒr seine eigene Zeitschrift Comixscene, spĂ€ter Mediascene, dann Prevue. Er arbeitet an Filmen wie Outland, JĂ€ger des verlorenen Schatzes und Coppolas Dracula mit und lieferte alle paar Jahre eine interessante Comic-FingerĂŒbung ab. (Lutz Göllner)

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Platz 61

Micky Maus
von Romano Scarpa

 
Autor: Romano Scarpa
Zeichner: Romano Scarpa
Land: Italien


Deutschland ist kein Micky Maus-Land. Es ist ein Donald Duck-Land. Die Geschmacksbildung in Sachen Comics hat hier weitgehend ein Herr Barks geleistet. Unter den Folgen leiden die Disney-Comics heute, denn die Ignoranz gegenĂŒber anderen Disney-Zeichnern ist groß. Die Fanszene verehrt"Die Besten Geschichten mit Donald Duck" und "Die Tollsten Geschichten mit Donald Duck", huldigt der "Barks Library", ignoriert die "Micky Maus" seit dem Ende der Barks-Ära und hĂ€lt die "Lustigen TaschenbĂŒcher" fĂŒr beliebige Strand- oder BadewannenlektĂŒre. Welch ein fataler Irrtum! Die "Lustigen TaschenbĂŒcher" sind hauptsĂ€chlich mit Stories aus dem italienischen "Topolino" bestĂŒckt. Die italienischen Autoren und Zeichner sind schon seit den siebziger Jahren fĂŒr die schlechtesten Disneystories verantwortlich, allerdings auch, und damit sind wir endlich beim Thema, fĂŒr die besten. Carpi, Cavanazzo und Scarpa sind die unbesungenen Helden der Disneycomics. Romano Scarpa, der von 1953 an fĂŒr Disney arbeitende Venezianer, ist sicherlich der beste MM-Zeichner seit Gottfredson. Er bevorzugt MM, zeichnet aber nicht weniger DD. Sein Stil ist am erklĂ€rten Vorbild geschult und damit anfangs mehr retro als der anderer Zeichner. Scarpas Charaktere zeichnet eine nie dagewesene Lebendigkeit aus, eine Beweglichkeit, die es mit sich bringt, daß die GesichtszĂŒge der Figuren hĂ€ufig entgleisen. Bei Scarpa wird viel grimassiert und noch mehr geschwitzt. Die Anspannung der Figuren ist immens. Mediziner fordern schon lange den Drogentest fĂŒr Scarpas Disney-Familie. Seine Plots sind entsprechend wild und originell und in seiner großen Zeit teilt er Gottfredsons und BarksÂŽ Faible fĂŒr exotische Sujets. Leute, ignoriert Scarpa nicht, lest die "Lustigen TaschenbĂŒcher" (Ingo Stratmann)

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Platz 62

300
von Frank Miller & Lynn Varley

 
Autor: Frank Miller
Zeichner: Frank Miller
Lynn Varley
Land: USA


We march. Mit keinem Wort zuviel, dafĂŒr mit um so mehr Kirby-wĂŒrdiger Felsigkeit beginnt es, und nach vier berauschenden Doppelseiten mit nichts als Marschieren, monumentaler Ödnis und schlierigem Aquarellhimmel die aus Stein gehauene historische Verortung: wir befinden uns im Jahre 480 v.Chr., zusammen mit dreihundert spartanischen Kriegern, die unter ihrem König Leonidas das freie Griechenland gegen die einfallenden Perser und deren Gott-König Xerxes zu verteidigen suchen. Das Ende ist Geschichte: ein Hagel persischer Pfeile, totale Agonie, Heldentod. Keine noch so klotzigen Phrasen können wiedergeben, wie Miller, assistiert von den wunderschön erdigen Farben seiner LebensgefĂ€hrtin Lynn Varley, als Hardboiled-Homer diese antike Tragödie zu einem beispiellosen Heroic-Bloodshed-Epos im Breitwandformat ausarbeitet. Vom Ronin-, Dark Knight- und Sin City-Miller ist offensichtlich nur das jeweils beste geblieben, um zusammengepackt die Millersche Kunst auf ein neues Level, das nĂ€chste Plateau zu heben. So klar, dramatisch, effektiv und "spartanisch" war er nie; zwischen sparsamst gesetzten, gleichzeitig wie ĂŒberlieferter Leonidas-O-Ton und originĂ€r millerisch klingenden Texten, bluttriefenden Kolossalschlachten, schwĂ€rzesten Sarkasmen und der von Frisuren bis Sandalen alle Details umfassenden AuthentizitĂ€t bleibt kein Moment zum Atemholen. Zahlreiche Doppelseiten sind GemĂ€lde fĂŒr sich, ohne den Rest dominant ausstechen zu wollen. So ĂŒberzeugend verschwenderisch und dazu ökonomisch wurden Comicseiten selten in Paneleinheiten unterteilt. Da fĂ€llt es kaum ins Gewicht, daß Miller keine Elefanten zeichnen kann - die rutschen denn auch sofort auf den angehĂ€uften persischen Leichenbergen aus und stĂŒrzen die Berge hinab. Sparta also: dort sind die wahren Superhelden zu finden, hĂ€rter noch als Marv und edler sowieso.

Frank Millers Arbeiten mögen auf den ersten Blick immer ein wenig Skepsis wecken, zumal ein solch ĂŒbertriebener Stoff wie der der 300: man kann es so oft lesen wie kaum einen anderen zeitgenössischen Comicproduzenten, und es gewinnt immer mehr. Und seine Comics sind sicher nicht der Ort, an dem man den ergriffenen Schauder angesichts des ultimativen Kriegscomics politisch in Frage stellen sollte. (Sven-Eric Wehmeyer)

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  • 300: Frank Miller, Lynn Varley; Schreiber & Leser 1999

 

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Platz 63

Grendel
von Matt Wagner u.a.

 
Autor: Matt Wagner
Zeichner: div.
Land: USA


Grendel ist ein Konzept. Am Anfang stand eine einfache Geschichte, die ĂŒber die Jahre immer komplexer wurde und an der immer mehr Menschen Teil hatten.
Matt Wagner erfand die Figur in den frĂŒhen 80ern. Grendel, das war Hunter Rose, ein Wunderkind, das aus Langeweile erst Schriftsteller, dann Fechter und schließlich Boss einer gigantischen Gangster-Organisation wurde. Die Geschichte des Hunter Rose wurde schließlich so umfangreich, dass Wagner einen ersten Versuch sie zu ErzĂ€hlen, abbrach und Jahre spĂ€ter einen weiteren Anlauf unternahm, der ihrer zunehmenden KomplexitĂ€t auch gerecht wurde. "Devil by the Deed" hieß die Graphic Novel, die das Leben von Rose in verschachtelten, ornamentalen Illustrationen mit straffen Prosa-Passagen auf den Punkt brachte. In der Form eher eine Legende als alles andere.
Mehr aus der (Zeit-) Not heraus entschied sich Wagner, die Fortsetzung der Geschichte nicht selbst zu zeichnen, sondern dies anderen KĂŒnstlern zu ĂŒberlassen. Und er entschied, dass keine Grendel-Geschichte der anderen erzĂ€hlerisch Ă€hneln sollte. Grendel also als eine Art Experiment in Progress.
Bei der Wahl der Zeichner ging Wagner ebenfalls nicht den einfachen Weg. Keine großen Namen, keine sicheren Sachen. Stattdessen junge, unbekannte Talente mit eigenem Strich, eigenem Stil. Die Pander-BrĂŒder, Bernie Mireault, John K. Snyder/Ray Geldof, Tim Sale und Pat McEown; diese Namen haben zwar heute alle einen guten Klang, aber in den Rang eines Stars ist höchstens Tim Sale mit seinen eleganten Batman-Halloween-Stories gelangt.
Anfangs ĂŒbertrug Wagner die Maske Grendels in einer Art Erbfolge, dann machte er einen radikalen Schnitt und verlegte die Geschichte in die ferne Zukunft. In eine Zukunft, in der Grendel fester Bestandteil der Kultur geworden ist, in der Grendel-Clane sich befehden und ein Clan-FĂŒhrer sogar zum Weltherrscher wird. Getreu seinem Motto, sich nicht zu wiederholen, wechselte Wagner die Themen bestĂ€ndig. Von reiner Action zu hochkomplexen, politischen Epen, alles war möglich.
In den 90ern ĂŒberließ Wagner dann auch anderen Autoren das Feld – und jeder hatte eine Chance, egal wie bekannt oder unbekannt er war. Er musste nur Wagner von seiner Idee ĂŒberzeugen.
Wagner ist seiner Figur bis heute treu geblieben. Erst jĂŒngst erschienen zwei bemerkenswerte Projekt: "Grendel: Black, White & Red", in dem zahlreiche Hunter-Rose-Vignetten von einem Haufen großartiger Zeichner illustriert wurde. Und "Grendel: Past Prime", ein Roman von Crime-Shooting-Star Greg Rucka.
Die Grendel-Saga mutiert also weiter. Das Experiment ist noch nicht abgeschlossen. (Bernd Kronsbein)

 

 


Platz 64

Mad 1-28
von Harvey Kurtzman (ed.)

 
Autor: div.
Zeichner: div.
Land: USA


MAD - der Wahnsinn hat Methode: 48 Jahre gibt es das Magazin jetzt schon, nahezu ein halbes Jahrhundert Humor und Ironie vom Feinsten, dick aufgetragen und ohne jeden Respekt vor Staat, AutoritĂ€ten und Traditionen. Wer kennt sie nicht, die bunte Menagerie von Alfred E. Neumann, Spion & Spion, Dave Bergs Lighter Side, Sergio AragonesÂŽ Mini-Cartoons und dem, was "the usual gang of idiots" sonst so Monat fĂŒr Monat unter die Kiddies (und deren ausgewachsene Version) hauen. Seinen Ursprung hat Mad 1952 im amerikanischen Verlagshaus EC, wo es als Sprössling des Verlegers William Gaines und des Herausgebers Hervey Kurtzman das Licht der McCarthy-Ära erblickte. Kurtzman, selbst ein begnadeter Zeichner, hatte als Herausgeber der außergewöhnlichen EC-Kriegscomics von sich reden gemacht. Über Jahre hinweg hatte er außerdem den einseitigen Humor-Cartoons "Hey Look!" (Sammelband bei Fantagraphics) geschaffen, der quasi Vorstudien zu seiner MAD-Arbeit bilden sollte. Vielleicht war die Zeit einfach reif fĂŒr ein Humor-Magazin wie Mad, sicher ist aber: Kurtzman und Gaines waren die ersten, die mit einem radikalen Satiremagazin an den Markt gingen. Der Erfolg war sensationell. Unter Kutzmans Ägide entstanden mit den hervorragenden Zeichner des Verlages (Jack Davis, Wally Wood u.a.) die ersten 28 Hefte, die bis Heft 24 noch in Comicform, danach als Magazin, bekannte Figuren aus den Medien auf die Schippe nahmen. Sie wurden damit zum Vorreiter eine humoristischen Tradition, die bis heute in alle Bereiche der amerikanischen Medien weiterwirkt. Dabei sind die frĂŒhen Geschichten, wie die Superman-Parodie "Superduperman" aus Heft 4, auch heute noch zum BrĂŒllen komisch und genauso aktuell wie damals.

Und soll man den Heerscharen PĂ€dagogen, Politikern und anderen BedenkentrĂ€gern entgegenenhalten, die seit nun fast fĂŒnf Jahrzehnten unfĂ€hig sind, hinter den Brachialhumor Mad`scher PrĂ€gung zu sehen? - "What me worry!" (Cord Wiljes)

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Platz 65

Understanding Comics
von Scott McCloud

 
Autor: Scott McCloud
Zeichner: Scott McCloud
Land: USA


Scott McCloud hat ein Buch geschrieben. Ein Buch ĂŒber Comics. Über die Sprache der Comics, die Grammatik, wie Zeit im Comicstrip funktioniert, wie GedankengĂ€nge miteinander verknĂŒpft werden, wie in einem starren Medium Bewegung dargestellt werden kann. Das Ganze in Form eines Comics. „Bist Du fĂŒr so was nicht noch ein bißchen zu jung?“, fragt sein Kollege Matt Feazell mitleidig im Vorwort. Angeregt durch Will Eisners theoretische BĂ€nde einerseits und die UniversitĂ€ts-Seminare von Art Spiegelman andererseits hat McCloud ein seltenes KunststĂŒck vollbracht: „Comics richtig lesen“ ist ein ebenso unterhaltsames wie lehrreiches Buch geworden, ein intelligentes Standardwerk, das nun wirklich in jede Bibliothek gehört. McCloud taucht in die Geschichte der BilderzĂ€hlungen ein und liefert einen kompletten kommunikationstheoretische Basisbau. Selten sind dem Leser FachausdrĂŒcke der Semiotik besser erklĂ€rt worden. „Die Grenzen des Mediums“, so McCloud optimistisch, „sind noch lange nicht erreicht.“ Den Beweis fĂŒr diese These tritt er mit seinem eigenen Buch an.

P.S.: Und wer es nicht ganz so schwerwiegend mag: Sowohl McClouds eigene Serie „Zot“, als auch seine Auftragsarbeiten fĂŒr die „Superman Adventures“ (auf deutsch teilweise bei Dino) liefern einen beeindruckenden Beweis fĂŒr seine Thesen. (Lutz Göllner)

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Platz 66

Die hermetische Garage des Jerry Cornelius (u.a.)
von Moebius

 
Autor: Moebius
Zeichner: Moebius
Land: Frankreich


1963 in Frankreich: Paris kommt langsam ins Erneuerungsfieber. Beatniks und Studenten spielen mit neuen Wegen, die Gesellschaft umzukrempeln. Ein junger Mann namens Jean Giraud, der mit seiner Westernserie "Blueberry" bereits eine treue AnhĂ€ngergemeinde um sich geschart hat, lĂ€ĂŸt sich in den Strom der UmwĂ€lzungen hineinziehen, liest Castaneda und Moorcock, schluckt Pilze, hört Free Jazz und Psychedelia und beginnt mit spielerischer Experimentierfreude und jeder Menge guter Laune einen Urknall auf Papier zu bannen, dessen Nachbeben bis heute in allem mitschwingen, das versucht, uns eine "Welt von morgen" zu prĂ€sentieren.

Was fĂŒr einen gewaltigen Impact das Werk dieser - hier kann man es ohne weiteres behaupten - lebenden Legende auf alles hatte, was auch nur im entferntesten mit Science Fiction zu tun hat, darĂŒber werden sich kommende Generationen von Kunsthistorikern die Köpfe heißreden können. Fest steht, daß Moebius mit seinen Stories der frĂŒhen 70er einen neuen Standard fĂŒr fantastische Bildwelten erschuf, der die Comicwelt der Roboter und Riesenraumschiffe vom Pulp der amerikanischen 50er emanzipierte und mit einem Schlag erwachsen werden ließ; bereits in Geschichten wie "The long tomorrow" wurden stilistische Ideen gezĂŒndet, von der sich ganze Armeen von Nachahmern inspirieren liessen, und die sich dann in den 80ern in Kultfilmen wie "Alien" und "Blade Runner" sowie in den 90ern im gesamten Ă€sthetischen Arsenal der Cyberpunk-Schiene wiederfanden. Futuristische Design-Attacken wie Luc Bessons "D