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Platz 86

Die geheimnisvollen Städte
von Benoît Peeters & François Schuiten

 
Autor: Benoît Peeters
Zeichner: François Schuiten
Land: Belgien


Am Anfang war alles Kulisse; mittlerweile geht es darum, die Kulissen Wirklichkeit werden zu lassen. Das Unternehmen der „Geheimnisvollen Städte“, 1983 von Benoît Peeters und François Schuiten mit dem Comic-Band „Die Mauern von Samaris“ begonnen, beruht grundsätzlich auf dem Prinzip der optischen Täuschung. Ebenso geht es aber in den sieben Erzählungen und drei Materialbänden, die seither erschienen, auch um das Durchbrechen von Mechanismen des sozialen oder des Selbstbetrugs. So entsteht oft ein eigentümliches Spannungsverhältnis zwischen den gigantischen Architekturphantasien Schuitens, die die Serie prägen, und Peeters‘ Figuren, die verloren durch die Gebäudefluchten und Stadtlandschaften von übermenschlichen Ausmaßen irren, in die Rolle von Außenseitern und Ausgestoßenen geraten und sich schließlich gezwungen sehen, den Kampf des Einzelnen gegen einen scheinbar perfekt durchorganisierten Apparat aufzunehmen. Die Legende von den geheimnisvollen Städten ist ein eklektisches, trickreiches Patchwork, zusammengesetzt aus Motiven der Romantik wie der mechanischen Illusion, klassischer SF - allerdings à la Jules Verne, da sich Schuiten ausschließlich der Stilformen um die Jahrhundertwende bedient - und eines magischen Realismus insofern, als gelegentlich historische Namen, Personen und Zustände zitiert oder lediglich leicht verfremdet einbezogen werden.

Vor allem aber greifen Schuiten und Peeters durch fiktive Dokumente und mittels Inszenierungen oder Dekorationen auch in die Wirklichkeit ein. Längst hat ihre Kunstschöpfung die Sphäre der reinen Fiktion verlassen und bekundet ihr Anrecht auf Realität. So finden sich echte Häuserwände und Metro-Stationen (in Paris und Brüssel), die nach ihrer Art des Trompe-l‘œil gestaltet sind, auch im „Führer durch die geheimnisvollen Städte“ wieder und werden von Schuiten und Peeters als „Orte des Übergangs“ zwischen beiden Welten interpretiert. Will sagen: der Macht der Imagination sind keine Grenzen gesetzt. Das jüngste und wohl gelungenste Beispiel für eine solche Transitstation befindet sich aber derzeit auf der EXPO: in der von Schuiten konzipierten Themenausstellung „Planet der Visionen“ demonstriert eine raffinierte Spiegelungsinstallation auf sinnfällige Weise, was es mit dem Grundmuster der „Geheimnisvollen Städte“ auf sich hat. Etwas ist da - und doch nicht da. Man kann es sehen, aber man bekommt es niemals zu fassen. (Martin Budde)

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