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Platz 74

Freddy Lombard
von Yves Chaland

 
Autor: Yves Chaland
Zeichner: Yves Chaland
Land: Belgien


„Hey, das ist doch Tim?!“ „Der? Nie im Leben!“ „Aber klar doch - dieses ovale Gesicht, wie eine Null, und fast keine Haare bis auf die typische Tolle!“ „Ach ja? Und die spitze Nase? Und dieser Name? Freddy Lombard...“ Jede Ähnlichkeit ist hier beabsichtigt: deshalb Lombard, wie das Verlagshaus in Brüssel, das lange Jahre das Magazin „Tintin“ (alias Tim) publizierte. Und Freddy, weil das wohl zumindest in französischen Ohren so schön belgisch klingt. Dabei war Yves Chaland, 1957 in Lyon geboren, wahrlich kein Belgier, obwohl er wie kaum ein zweiter den Esprit der frankobelgischen Klassiker zu reanimieren vermochte. Obendrein gleichzeitig in deren beiden wichtigsten Spielarten - in Chalands Werken findet sich deutlich Inspiration sowohl durch Hergé wie auch via Franquin und vor allem Tillieux.

Dennoch ist Chaland nicht einfach retro - mögen seine Geschichten auch meist aussehen wie aus den 50ern und sogar oft in jener Epoche angesiedelt sein. Selbst deren Ton und Sujets greifen sie auf, aber sie überziehen sie, gleich mehrfach ironisch gebrochen.
So gibt es in „Freddy Lombard“ den Titelhelden und seine beiden Gefährten. Natürlich spielen sie auch Detektiv, ganz wie ihre klassischen Ahnen. Aber zum Trio zählt eben ein recht attraktives und dabei überlegt handelndes Mädchen. Und das hat es früher nie gegeben, weder in „Spirou und Fantasio“ (mit der Kollegin Steffanie als Dauerkonkurrentin) und erst recht nicht bei Tim, wo Frauen systematisch ausgegrenzt wurden. Außerdem haben die drei ständig mit Geldsorgen zu kämpfen - die handfeste Kehrseite eines solchen Abenteurertums, die einst für gewöhnlich dezent unter den Tisch fiel.
Da nimmt es kaum Wunder, daß die drei - vor allem aber die beiden männlichen Vertreter - in alltäglichen Dingen oft recht naiv und unbedarft wirken. Sie machen dies Defizit aber locker wett durch ihren Enthusiasmus, der die drei Freunde nicht nur immer wieder in Abenteuer verwickelt, sondern ihnen auch letztlich heraushilft, selbst wenn sie oft nur mit einem blauen Auge davonkommen. Diese Begeisterung ist, was sie unmittelbar mit ihren großen Comic-Vorbildern verbindet. Deren schlichte, angestaubte Moral allerdings mußte notgedrungen dem Skeptizismus der 80er weichen.

Dabei hatte alles so fröhlich, mit einem Liedchen in strömendem Regen, begonnen: 1981 in der augenzwinkernden Parodie „Das Testament des Gottfried von Bouillon“, ein kleinformatiges, zweifarbiges Bändchen (später noch mal durchgängig koloriert neu aufgelegt). Zwei Kurzgeschichten knüpften daran an, 1984 in einem Album zusammengefaßt („Der Elefantenfriedhof“), doch schon mit leichten Irritationen wie schwarzem Humor und untypischen Wendungen. Und das nächste, „Der Komet von Karthago“ (1986), wirkte richtig verstörend - Alpträume, Flutkatastrophe, ein mysteriöser Frauenmord brachen abrupt mit dem nostalgischen, leicht ironischen Zitat. Weltuntergangsstimmung für Freddy & Co. Wiederum zwei Jahre später ein ähnliches Sujet, nur verlagert in ein brisantes politisches Thema der Zeit, den Ungarnaufstand 1956: dramatische „Ferien in Budapest“. Und selbst der letzte Band, „F-52“ - 1990 erschienen -, nahm nur scheinbar Zuflucht zum Leitmotiv der 50er Jahre, dem Fortschrittsoptimismus: Der Flug im Atomjet führt an menschliche Abgründe voller Egoismus und Zynismus, unterläuft so jeden utopischen Ansatz. Und Freddy und seine Freunde tappen einmal mehr ahnungslos in allerlei Fallen und Fettnäpfchen, lösen aber doch ihren Fall.

Es wäre spannend gewesen zu sehen, welchen Weg sie weiter gegangen wären. Konsequenterweise hätte ihnen entweder Desillusionierung oder der endgültige Absturz gedroht, um als edelmütige Helden in der Gosse zu landen. Aber Yves Chaland starb 1990 bei einem Autounfall. Und mit ihm verlor auch die „Neue klare Linie“ des Pariser Freundeskreises um Chaland, Serge Clerc, Ted Benoit und etliche andere, die sogenannte „Ecole de Pigalle“, ihre Bedeutung, die eine Zeitlang im Frankreich der 80er schwer angesagt war.
Was bleibt, ist die Erinnerung - eine doppelte und zudem wehmütig gebrochene: zum einen an die verlorene Welt der Helden aus den 50ern. Und zum anderen die an Chalands unbeirrten Enthusiasmus, sie trotz allem hochleben zu lassen. (Martin Budde)