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Platz 55

Der Mann am Fenster
von Lorenzo Mattotti

 
Autor: Lorenzo Mattotti
Zeichner: Lorenzo Mattotti
Land: Italien


Mit seinen furiosen Farbenspielen in „Feuer“ oder „Flüster“und anderen hatte Lorenzo Mattotti Ende der Achtziger die Gemeinde der Comicfans in frenetischen Jubel versetzt – überschwenglich fühlten sich einige Kritiker bereits dazu geneigt, die Geschichte der Comics von nun an in eine Zeit vor und eine Zeit nach Mattotti einteilen zu müssen – da kam der italienische Bildermagier 1992 auf einmal mit einem neuem Band an den Start, der so recht überhaupt nicht das war, auf das die Augen der Welt so gespannt gewartet hatten. Im allgemeinen Kopfkratzen und Schulterzucken wurde dieser Band mehr oder weniger ignoriert und fast vergessen, in Erwartung auf des Meisters nächstes neo-moderne Pastellkreidengewitter. Ein bitteres Unrecht, was diesem Buch geschah, denn wenn man sich dem „Mann am Fenster“ ohne Erwartungsdruck und Vorbehalte nähert, offenbart sich eines der poetischsten und atmosphärischsten Stücke Comicliteratur, die es je bislang zu sehen gab – so still und intim, wie man es Comics fast gar nicht zugetraut hätte.

Das Szenario von Mattottis Ex-Frau Lilia Ambrosi schildert uns Momentaufnahmen aus dem Alltag eines allein lebenden Künstlers, der wie der Besucher einer Galerie an den Szenen seines Lebens vorbeigeht und nur in seinen Skulpturen das zelebrieren kann, zu dem er im wirklichen Leben scheinbar unfähig geworden ist; das Zusammenkommen mit etwas, Teil von etwas sein, mit etwas eine Verbindung eingehen. Er ist nicht einsam, aber allein. Wie ein Blatt im Wind läßt er sich durch seine Stadt treiben, ist ab und an bei Bekannten, aber doch nie mit ihnen vereint, niemals Fuß fassend, innerlich sich stolz in seinen Monologen ergehend und sein Einzelgängertum zelebrierend. Bis er durch einige unvorhergesehene Ereignisse dazu gezwungen wird, seine Haltung zu überdenken...

Was die Leserschaft mit Sicherheit am meisten irritierte, war die komplett unerwartete Inszenierung, mit der Mattotti diese ruhig dahinfließende, bittersüße Geschichte anging. Keine expressionistischen Farben diesmal, statt dessen ein Stil, den er vorher in seinen privaten Skizzenbüchern versteckt gehalten hatte: fragile, luftige Federzeichnungen, die dem Abgebildeten fast einen Eindruck von Schwerelosigkeit verleihen. Still, dezent, zurückhaltend, karg – wie die Geschichte und ihr Held selber.
Doch gerade diese Herangehensweise ist die Trumpfkarte des Bandes, denn wenn Ambrosi in ihren tagebuchartigen Fragmenten die kleinen, sonst unbemerkten und gerade deshalb so funkelnden Details des Alltags beschreibt, liegt es am Leser, das Weiß des Papiers mit seinen eigenen bekannten Sinneseindrücken zu füllen und sich von der Schönheit dieser Augenblicke überwältigen zu lassen. Ein Paradebeispiel dafür, wie viel man mit ganz wenig erreichen kann, wie durch Reduktion etwas Hochintensives entsteht. (Thomas Strauß)

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