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Platz 48

Kin-der-Kids/Wee Willie Winkie’s World
von Lyonel Feininger

 
Autor: Lyonel Feininger
Zeichner: Lyonel Feininger
Land: USA/Deutschland


Lyonel Feininger (1871-1956) gilt heute als anerkannter Vertreter der klassischen Moderne, mit seinen ätherisch-kristallinen Werken angesiedelt zwischen Kubismus und Bauhaus ein fester Bestandteil des bildungsbürgerlichen Kalenderrepertoires. Aber wahrscheinlich weiß man dort wenig von seinen Anfängen als Karikaturist und vermutlich gar nichts von seiner (kurzen) Comic-Karriere. Dabei hätte es ohne diese den Künstler Feininger womöglich gar nicht gegeben.
Feininger wurde als Sohn eines deutschstämmigen Konzertmusikerpaares in New York geboren und kam mit 16 zurück in das Land seiner Eltern, um Violine zu lernen. Statt dessen widmete er sich lieber dem Zeichnen, besuchte in Berlin die Kunstakademie und begann dort, Illustrationen in diversen Humormagazinen zu veröffentlichen. Seine Themen variierten zwischen harmlosen Witzbildern und politischen Karikaturen, deren Themen allerdings von den Redakteuren der Blätter, für die er arbeitete, vorgegeben wurden. Sein Interesse galt ohnedies mehr der künstlerischen Ausarbeitung dieser Sujets, und sein graphischer Stil orientierte sich zunehmend an Fläche und kantigen Konturen mit deutlichem Hang zur Groteske, was ihm schon in der Kritik um die Jahrhundertwende erste Beachtung einbrachte.
Mit diesem Renommee und vielleicht dank des Umstands, daß er gebürtiger US-Amerikaner war, gelang ihm 1906 der Sprung zurück über den Großen Teich. Dort waren mittlerweile die Comics dabei, sich zu etablieren - argwöhnisch betrachtet aus zweierlei Gründen: zum einen witterten die „besseren Kreise“ in ihnen wegen ihres häufig derben Humors eine Gefahr für Anstand und Sitte. Zum anderen mußte gerade die gutbürgerliche Presse feststellen, daß die Boulevardzeitungen ihr eben dank dieser Comics massive Einbußen bereitete. So entschloß man sich ebenfalls zur Veröffentlichung von Comics, aber möglichst mit Niveau.
Die „Chicago Tribune“ hatte dazu im April 1906 einen ganz besonderen Einfall: Man kündigte eine Sonntagsbeilage an, die nur von deutschen Zeichnern bestritten werden sollte, darunter Karl Pommerhanz, Lothar Meggendorfer und eben auch Feininger. Um es kurz zu machen: kommerziell wurde es ein drastischer Flop, was nicht zuletzt daran lag, daß keiner der Zeichner, Feininger inbegriffen, der die Entwicklung der Comics in den zehn Jahren zuvor wohl auch kaum mitbekommen haben wird, eine Vorstellung von den Erwartungen ihres US-Publikums hatte.
Lyonel Feiningers Beitrag bestand immerhin aus einem echten Comic mit dem etwas seltsamen Titel „The Kin-der-Kids“. In dem guten halben Jahr, in dem die drei Kids Daniel Webster, Teddy und Piemouth in der „Tribune“ erschienen, kreuzten sie in ihrer Familienbadewanne über das Meer, landeten in England und strandeten im zaristischen Rußland, dabei verfolgt von der „guten“ Tante Jim-Jam samt Cousin Gus und einer Familienflasche Rizinusöl sowie gelegentlich geleitet bzw. gerettet von Mysterious Pete, dessen Rolle genauso mysteriös bleibt, wie es sein Name verspricht.
Gründe für diese Odyssee in der Badewanne, gar ein eigentliches Thema hatten die „Kin-der-Kids“ nicht. Sie begnügten sich mit der skurrilen Basiskonstellation und zahlreichen noch groteskeren Einlagen. Die turbulente Verfolgungsjagd, die sich dabei wie von selber ergab, führte allerdings eine echte Neuerung in die Comic-Historie ein: richtige Fortsetzungsstrips hatte es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben! Nimmt man dazu noch Feiningers meisterliche Seitenaufteilung und seinen plakativen Umgang mit Flächen und Farbe, so sind die „Kids“ schon ein kleines Comic-Juwel.
Sein wahres Meisterstück lieferte Feininger bei der „Tribune“ jedoch mit „Wee Willie Winkie‘s World“ ab - kein Comic, aber eine traumhafte Serie von kurzen Bildergeschichten mit Prosatexten, in denen die Metamorphosen diverser Landschaften aus der Sicht eines kleinen, phantasievollen Jungen geschildert werden. Häuser bekommen Gesichter, Bäume, Wolken werden zu phantastischen Gestalten, Naturgeistern gleich, und Gegenstände rund um den Kamin stecken plötzlich voller Leben. Ursprünglich als Nebenserie zu den „Kin-der.Kids“ erstmals am 19. August 1906 erschienen, lief Klein-Willies phantastische Welt noch nach deren abrupter Absetzung am 18. November hinaus bis Anfang 1907, dann war Feiningers amerikanisches Abenteuer endgültig beendet. Der hatte sich unterdessen von dem Honorar der „Tribune“ selbst einen Wunschtraum erfüllt und einen Studienaufenthalt in Paris leisten können, nach dessen Ablauf er zwar wieder sporadisch in Berlin als Witzzeichner tätig wurde. Aber der Grundstein zu seiner Künstlerkarriere war damit gelegt, und so hatten von seinem Comic-Intermezzo letztlich alle Seiten profitiert: die „Chicago Tribune“ erfuhr, wie man Comics besser nicht macht, sofern sie kommerziell erfolgreich sein sollen. Und die Comic-Nachwelt hat, Jahrzehnte später, einen Schatz entdeckt, mit dem sie sich zu Recht schmücken darf. Der künstlerische Rang der „Kin-der-Kids“ und von „Wee Willie Winkie‘s World“ ist heute unstrittig und topaktuell. (Martin Budde)

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