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Platz 54

Sandman Mystery Theatre
von Matt Wagner, Steven Seagle, Guy Davis u.a.

 
Autor: Matt Wagner
Zeichner: div
Land: USA


Die Prohibition ist seit vier Jahren vorbei, aber Amerika hat sich verändert. Das organisierte Verbrechen ist so mächtig wie nie zuvor, Jazz erobert die Clubs, Radio-Soaps dröhnen über den Äther, Zeitungen liefern sich bewaffnete Auseinandersetzungen, die Emanzipation feiert erste Erfolge, die Weltausstellung öffnet das Tor in eine verheißungsvolle Zukunft, Rassenkonflikte schwelen, Kriegsangst überschwemmt das Land, weil ein kleiner Irrer Europa in Brand setzt...

Das New York der späten 30er ist nie so beeindruckend in Szene gesetzt worden wie in "Sandman Mystery Theatre". In siebzig Heften zwischen 1993 und 99 inszenierten das Autoren-Team Matt Wagner und Steven Seagle gemeinsam mit Zeichner Guy Davis (plus Gästen wie Michael Lark, John Watkiss u.a.) das Portrait einer schillernden Ära. Sie beschrieben aber auch die komplexeste und glaubwürdigste Liebesbeziehung zwischen zwei erwachsenen und intelligenten Menschen, die die Comic-Literatur bis heute gesehen hat. Eine Beziehung, die sich im Laufe der Serie entwickelt, verändert, tiefer wird, Klippen umschifft und abzuschmieren droht.
SMT war zunächst einmal "nur" ein seltsamer Spin-Off-Titel der "Sandman"-Serie von Neil Gaiman, der sowohl auf die Ursprünge des "Golden Age Sandmans" zurückgriff als auch auf die Gaiman’sche Mythologie. SMT war oberflächlich eine Hommage an die Pulps, aus denen die US-Comics hervorgegangen sind. Der Held stapft in Gas-Maske und Trenchcoat durch die Nacht, um die Bösen zu fangen, und die Heldin kann nicht still auf dem Hintern sitzen und einfach nur auf die Rückkehr ihres Liebsten warten. Wesley Dodds und Dian Belmont hätten wahrlich ein lustiges Detektiv-Pärchen sein können, eine Art Tracy/Hepburn für die Comics, aber genau das sind sie zu keinem Zeitpunkt. SMT ist ernsthaft, präzise, düster, nachdenklich.
Jenseits vom moralischen Sozialkitsch, der in US-Comics in der Regel serviert wird, interessierten sich die Autoren tatsächlich für ihre Sujets und Figuren. Zu den überzeugendsten Strecken gehört zum Beispiel die, in der Dian schwanger wird. Unvorstellbar für eine US-Comic-Serie: Sie besucht trotz und wegen aller gesellschaftlicher Zwänge eine Engelmacherin, sie treibt ab und diese "Tat" liegt wie ein Schatten über dem Rest der Serie, über allen Beziehungen, die die Reihe bestimmen.

SMT war bis zum Schluss die mutigste und unkommerziellste Serie, die sich ein US-Großverlag (DC Comics) je gegönnt hat. Das sie überhaupt so lange lief ist wohl nur der Begeisterung ihrer Redakteure zu verdanken, die erst den Stecker zogen, als die gesamte US-Comic-Industrie schwer absackte und damit auch die Vertigo-Line. Die Serie bricht überhastet ab, im Wunsch der Autoren, wenigstens noch ein adäquates Ende zu finden. Mit dem Eintritt Amerika in den 2. Weltkrieg endet SMT und die Wege der Protagonisten trennen sich. Zumindest für eine Weile. (Bernd Kronsbein)

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