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Platz 42

Alack Sinner
von José Muñoz & Carlos Sampayo

 
Autor: Carlos Sampayo
Zeichner: José Muñoz
Land: Argentinien/USA


„Was für eine Stadt! Wer hier lebt, darf sich über nichts wundern. Die Dinge geschehen einfach...“ Diese Stadt heißt New York, und einer, der hier lebt, ist Alack Sinner, Ex-Polizist und Privatdetektiv. Sich Wundern paßt nicht zu seinem Beruf - sein Job ist es, Antworten zu finden, bisweilen auch auf Fragen, die man ihm gar nicht gestellt hat, kurz: Fälle zu lösen. Das hilft ihm, finanziell über die Runden zu kommen, und mehr als einmal rettet es ihm auch selber den Hals. Aber es liefert ihm keine Erklärungen in seinem wichtigsten Fall: seinem eigenen.
Er ist sich seiner Gefühle selten bewußt - seine Ängste verdrängt er, bis sie als abgründige Traurigkeit wiederkehren, die er nur zu oft in Alkohol ertränkt. Dabei fressen ihn Egoismus, Skrupellosigkeit, Brutalität um ihn herum innerlich auf, und er sehnt sich nach echter Freundschaft. Aber zugleich auch nach seiner Einsamkeit. Dieser Mann ist zwar ein verdammt guter Privatdetektiv, weil er etwas herausfinden will (vielleicht sogar muß). Doch er sagt von sich selbst, daß er die Welt nicht aus den Augen eines Spürhundes sieht, sondern „mit dem Blick eines Sünders“. Deshalb ist er keiner von all den zynischen Schnüfflern, die andauernd coole Sprüche absondern, etwa über ihr Jagdrevier und ihre Opfer. Er weiß einfach auch, daß es ihn in dieser Stadt an jeder Ecke erwischen kann, jederzeit, aus nichtigstem Anlaß. Da bleibt kein Platz für Eitelkeit....
„Verdammte, düstere Stadt!“ Im flächigen Schwarzweiß des Exil-Argentiniers José Muñoz (der sein Handwerk bei Alberto Breccia und Hugo Pratt erlernte) wird es sowieso nie richtig Tag. Und dazu sind die Bildausschnitte oft derart gedrängt, die Perspektiven gewagt, daß sich immer wieder Gefühle klaustrophobischer Enge, einer latenten Bedrohung einstellen. Die Bilder werden zudem in dem Maße düsterer, in dem auch die Erzählungen von Muñoz‘ Landsmann Carlos Sampayo immer auswegloser erscheinen. Sie dokumentieren nicht nur Sinners allmählichen Abstieg, seine zunehmende innere Verzweiflung. Sie belegen dazu den Niedergang einer wie auch immer gearteten Hoffnung auf revolutionäre Befreiung im Laufe der 70er Jahre, die mit Black-Panther-Militanz z. B. begannen und im reaktionären Backlash der Reagonomics endeten. Selbst die Graphik dokumentiert diesen Wandel: vom präzisen Strich zu Beginn (1975) mit sozialkritischem Interesse binnen weniger Jahre zur drastischen Karikatur, die ein groteskes Panoptikum dekadenter US-Massenkultur entwirft.
Ohnmächtige Wut spricht aus diesen späteren Folgen. Alack Sinner aber sagt weiterhin: „Je brutaler die Stadt sich zeigt, um so mehr gefällt sie mir. Ein widersprüchliches Gefühl, aber nur so wird sie für mich lebendig, kann ich ihre Gesetze achten und auf Antworten hoffen, die sie für mich bereithält.“ Er wird weiter suchen, weiter leiden. Und den Widerspruch vermutlich nicht lösen... (Martin Budde)

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